Arye Sharuz Shalicar, Jerusalem


Nach wirklich langer Zeit habe ich heute, im Gespraech mit einem aeusserst netten und einflussreichen Journalisten, der in Istanbul sitzt und fuer eines der groessten tuerkischen Tagesblaetter schreibt, meine Tuerkischkenntnisse einsetzen koennen.

Natuerlich haben wir uns auch ueber Berlin unterhalten. Neukoelln, Wedding, Kreuzberg…von der Sonnenallee bis hin zur Soldiner Strasse…Integration, 1.Generation, 2.Generation, Islamismus in Deutschland, Parallelgesellschaft hin oder her…ich habe ihm mit einigen flotten tuerkischen Redewendungen bewiesen, dass ich nicht wenig mit Tuerken zu tun hatte und erzaehlte ihm, dass ich bis heute noch sehr gut befreundet bin mit einigen Berliner Tuerken, die wie ich, einerseits in Berlin, bzw. Deutschland geboren wurden, andererseits aber dunkelhaeutig sind, und somit eine Art Doppelidentitaet haben (bei mir war es eigentlich eine “Dreieridentitaet”!).

Der junge Journalist, der es schon im jungen Alter zu einem verhaeltnismaessig hohen Bekanntheitsgrad geschafft hat in der Tuerkei, was fuer seine Arbeit spricht, kam mir schon nach sehr wenigen Gespraechsminuten wie jemand vor, den ich schon Monate, wenn nicht Jahre kenne. Er sitzt und arbeitet in der groessten Stadt der Tuerkei; ich lebe und arbeite in der groessten Stadt Israels. Er vertritt eine Zeitung, die Namen hat, in der Tuerkei; ich vertrete wahrscheinlich die groesste “Organisation” des Landes Israel, die israelische Armee. Er ist Moslem, ich bin Jude; er war letzten Sommer zu Besuch in Jerusalem, ich besuchte vor einem halben Jahr Istanbul. Er kennt Israel, seine Geschichte, den Konflikt, und alles was damit zusammenhaengt – ich kenne die Tuerkei, die Geschichte der Tuerkei, habe tuerkische Freunde und kenne auch deren Probleme, ob mit den Kurden, dem nicht-EU-Beitritt oder sonstwas. Klingt wie ein Liebesfilm, ist es auch irgendwo, wenn uns der jetzige Ministerpraesident der Tuerkei, R.T. Erdogan, nicht dazwischenfunken wuerde.

Tuerkei und Israel haben sehr vieles gemeinsam. Beide Laender haben ein demokratisches Regierungssystem, haben eine sehr starke und einflussreiche Armee, sind mit dem Westen verbuendet, politisch, militaerisch sowie wirtschaftlich, haben religioese Fanatiker im Volk und teilweise auch in der Elite, sind aber groesstenteils von saekularen Politikern geleitet..lange wunderschoene Straende, alles was den Gaumen gluecklich macht, lustige und offene Menschen…und und und.

Erdogan steckt das alles, und mehr, gerade in den Schatten. Ploetzlich spielen all diese Gemeinsamkeiten keine grossartige Rolle mehr. Zumindest scheint es so. So sehe ich das. So sieht es auch mein tuerkischer Kollege. Jahre der engen Kooperation gegen den internationalen Terror, der die Welt, und insbesondere den Nahen Osten in Angst und Schrecken versetzte, gesponsort durch Extremisten am Golf, im Iran, Syrien, Libanon, der Muslim Brotherhood oder Al Qaida, scheinen fast schon vergessen zu sein. Die heutige Staatsfuehrung in der Tuerkei naehert sich offen und sehr ueberzeugt terroristischen Staaten, die den Weltjihad foerdern; Staaten, die bis vor kurzer Zeit Feinde der Tuerkei und Israels waren.

Erdogan versucht bewusst die starken Beziehungen zwischen dem tuerkischen und dem juedischen Volk kaputt zu machen. Allem Anschein nach mit Erfolg. Nicht wenige Israelis sind angekotzt von anti-Israel-Massenkundgebungen in Grossstaedten der Tuerkei, in denen Israelflaggen verbrannt werden und canceln ihren alljaehrlichen Tuerkeiurlaub. Dazu kommen dann noch die immer wieder provozierenden Worte Erdogans gegen Israel. Durchschnittstuerken, die felsenfest davon ueberzeugt sind, dass Erdogan “ihr Mann” ist und genau weiss wie man mit den eingebildeten Westlern reden muss, freuen sich ueber jede Attacke gegen den Westen und Israel. Sind die Araber vielleicht doch der bessere Partner? Oder die Iraner? Fragen sich heute bestimmt genug Tuerken, mit der Sicherheit im Hinterkopf, dass Erdogan weiss was er macht.

Unser Gespraech ging fast eine Stunde. Seiner Meinung nach ist Erdogan “etwas schreckliches” das es zu ueberstehen gilt. “Die Freundschaft zwischen uns (Israel und Tuerkei) wird er nicht brechen koennen, da kann er noch so hetzen”, da ist er sich sicher. Ich bin weniger sicher, jedoch habe ich neue Hoffnung geschoepft durch dieses Gespraech. Tuerkei ist eines der wenigen Laender im Nahen Osten, dass nicht nur (noch) frei und relativ westlich ist, wie auch Israel, sondern dass auch muslimischen Terrorismus bekaempft.

Um im Dschungel ueberleben zu koennen muss man starke Freunde haben…oder selbst der Staerkste sein…sonst kann man sehr schnell zum Opfer werden!!!



2 Comments to “Tuerkei: Halte aus! Im Namen unserer Freundschaft. Im Namen der Demokratie. Im Namen der Freiheit.”

  1. Ulrich J. Becker says:

    Auf die Gefahr hin, in den Verdacht zu kommen uns unbescheiden gegenseitig in den Himmel zu loben:

    Arye, super Artikel und vor allem schaetze ich deine Arbeit sehr! Solche Treffen, solche kleinen “Verstaendlichkeiten” koennen viel bewegen und veraendern. Ich denke kaum, dass es momentan in Israel jemand anderen gibt, der uns so gut vertreten haette. Kol HaKawod!

  2. georg kadavy says:

    ob die so großartige terrorbekämpfer sind sei dahingestellt, hi8nsichtlich der äußerungen die von seiten türkischer regierungsmitglieder – und organistaionen bei zusammenkünften mit ihren auslandskadern, sowie mittlerweile auch dreist vor öffentlichen kameras, geäußert werden.
    ach auch ich einst kinderlos war mal multikulti(selbst immigrant) bis zur selbstzerfleischung, aber was sich, nachdem meine kinder in deutschen schulen von den muselfaschos (4 generation integration) so gefallen lassen mußten, hat sich dies doch ein wenig geändert.
    wobei dies keine verallgemeinerung darstellen soll, doch sind die die Ausnahme, welche sich mit unserer säkularen, demokratischen gesellschaft indentifizieren.

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