Ulrich J. Becker, Jerusalem, 8. Schwat 5772

Ich weiss, dass diese Reihe nicht gerade ‘populaer’ ist (ich sehe die Leserzahlen), und die Mehrzahl der (eher unorthodoxen) Juden im deutschsprachigen Raum sich sowieso eher darum bemuehen wird, Juden als ‘ganz normal’ zu verkaufen, oder eine gemeisame Front hinter Israel zu bekommen – wobei Letzteres natuerlich sehr zu unterstuetzen ist -, aber ich denke, es gibt ein paar Dinge, die selbst juedische Israelis und Juden allgemein in ihrer ‘unjuedischen’ Bedeutung oefter uebersehen und die man zumindest einmal ins Bewusstsein rufen sollte:

Ja, ich will von der aberwitzigen Idee in Israel reden, den Sonntag neben dem Schabbat als offiziellen Ruhetag einzufuehren. 

 

 

Wenn es irgendwas gibt, was das Potential hat, den nicht-juedischen Israelbesucher erst einmal durcheinander zu bringen, so ist es, dass die Woche in Israel am Sonntag und nicht am Montag beginnt. Wie oft musste ich schon Freunden und Verwandten in Deutschland erzaehlen, dass Sonntag fuer uns ein ganz normaler Arbeitstag ist – der erste Tag in der Woche halt. Und selbst ihre Frage, ob dann unser Donnerstag wie ihr Freitag sei, muss ich dann verneinen. Unsere Woche ist nicht einfach einen Tag verschoben, sondern einen Arbeitstag laenger.

Ja, dieses Wochen-Phaenomen ist so einschneidend, dass sogar ein netter, deutscher Israel besuchender Student, der ein aktuelles, lockeres Buch (nein, sorry, nicht selbst gelesen) ueber Israel schrieb, diesem den bezeichnenden Titel “Wo samstags immer Sonntag ist” gab.

Es muss also auf die nicht-juedische Umwelt eine ziemliche Besonderheit darstellen oder vielleicht sogar eine ‘F’aszination’ ausstrahlen, zumindest ist hier etwas, was Israel und sein juedisches Paeckchen ziemlich von grossen Teilen der westlichen (und nicht nur der westlichen) Welt unterscheidet…

Ich erwaehnte schon die zwei Gruppen von Juden? Die eine, die Israels Besonderheit bewahren und ausbauen und die andere, die Israel aller Welt gleich machen will?

Ja, und so ist auch hier wieder eine prominente und grosse Gruppe – ja, sogar im Likud – von Israelis am Werk, auch diese juedische Besonderheit Israels moeglichst in Geschichte zu verwandeln.

Sie geben alle moeglichen Gruende an, von denen mich keiner – weder sports-maessig, noch wirtschaftlich – ueberzeugt. Auch in Sachen ‘mehr Freizeit’, was einem als dauergestresster Israeli – und gerade als Nationalreligioeser – doch noch am ehesten ansprechen koennte,  sollte man Vorsicht walten lassen und vielleicht einmal den alten, weisen Worten von Tocotronic lauschen:

 

“Wer hat das Wochenende erfunden? – die ganze Menschheit ist dadurch geschunden…” 

 

Ja, ich weiss, man koennte es zuerst einmal als frechen, intellektuell verbraemten Antisemitismus aufschnappen, schliesslich war es nun mal das Judentum – nicht die Roemer und nicht die Chinesen – , das eine sieben Tage Woche mit einem Ende einfuehrte, an dem man ruhen soll. Und dann das Lied “Samstag ist Selbstmord” zu nennen (warum denn nicht ‘Sonntag ist Selbstmord’?), koennte ziemlich boese in Richtung Juden anspielen.

Aber natuerlich wissen wir, dass Dirk von Lowtzow (von Tocotronic) nichts dergleichen im Sinn hat, sondern sogar ein wackerer und in der deutschen Meinungslandschaft recht einsamer (siehe die letzten Umfragen) Israelfreund und Bekaempfer des Antisemitismus’ ist (taz – Interview).

Und wenn man gut hinhoert, koennte die “zu viel Freizeit“, die Tocotronic hier zu vollem Recht angreifen, auch speziell auf das deutsche zwei-dreiviertel-Tage-Wochenende abzielen: Sprich, ich denke, es waere unmoeglich das gleiche Lied ueber das sehr kurze israelische ‘Wochenende’, unseren Schabbat, zu schreiben.

Ein zu langes Wochenende tut niemanden gut, sondern schadet eher – im Geldbeutel und in der Birne.

Und wenn mir das auch so wackere Zwei-Tage-Wochenende-Verfechter in Israel nicht abnehmen, muss ich doch zumindest die Traditionellen unter ihnen daran erinnern, dass Gott nichts von einem zwei Tage Wochenende haelt, sondern uns klar und deutlich postwendend hinterliess, dass man zwar am siebten Tag ruhen, den Rest der Woche aber “arbeitend” verbingen soll. (Das ist etwas anders als fuenf Tage arbeiten, einen ruhen und einen in der Mall verbringen.) Er sagt naemlich nicht nur “am siebten Tag sollst du ruhen” (man koennte denken, dass sei eine Mindestangabe), sondern gleich kurz davor – wie wir bei jeden Schabbat-Tags-Kiddusch sagen – sehr eindeutig:

 

Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten. Und am siebten Tag…” (Dwarim/Deuteronomium 5:13)

 

Oder auch hier:

 

Sechs Tage arbeite und am siebten ruhe…” (Schmot/Exodus 34:21)

 

Wie die Christen darauf gekommen sind, daraus ein zwei bis drei Tage Wochenende mit vier, fuenf Arbeitstagen (anstatt der sechs) zu machen ist eine Sache, aber warum sich so viele juedische Israelis ueber dieses super schriftliche und direkte Torah’gebot’ hinwegsetzten wollen (es ist doch noch etwas komplizierter) und dem juedischen Volk per Gesetz ein ‘fuenf Tage sollst du arbeiten‘ aufzwingen wollen, ist doch eher tragisch.

In diesem Sinne: Nein, zur ‘unjuedischen’ Fuenf -Tage-Woche. Ja, zum Schabbat und zur Torah. Ich moechte behaupten, dass in ihr ein sehr gutes Mass zwischen Arbeit und Freizeit geschaffen ist und man sollte es in keine Richtung uebertreiben. Es ist kein Fortschritt, einen weiteren freien Tag in Israel einzufuehren, sondern ein Rueckschritt und anti-Torah. Es ist ein weiterer Versuch der eher hellenistischen Fraktion, Israel ‘wie alle Voelker’ werden zu lassen, auch wenn es viele von den Unterstuetzern wohl eher aus Gemuetlichkeitsgruenden dafuer sind. 

 

Auf dass der Sonntag bei uns immer Montag bleibt…



11 Comments to “Unjuedisches, allzu Unjuedisches… Teil Gimel: Gegen das Zwei-Tage-Wochende in Israel…”

  1. Rainer Lang says:

    verstehe nicht, was daran aberwitzig sein sollte in Israel die 5-Tage Woche einzuführen und sich dabei an den Ländern zu orientieren, aus denen die meisten Israelis kommen und viele davon immer noch vitale Beziehungen zu ihren dortigen Verwandten und Bekannten pflegen.

    Es ist eine ökonomische Frage. Ist die Arbeitsproduktivität hoch genug, um eine Verringerung der Arbeitszeit um einen ganzen Tag zu ermöglichen und leidet die Wettbewerbsfähigkeit Israels nicht runter der5-Tage Woche, dann ist es OK. So würde ich auch den zitierten Dwarim interpretieren. 1 freier Tag war damals das maximal mögliche und die Religion machte ihn zu Pflicht: eine historische Errungenschaft, auf die wir stolz sein können. Heute könnten es sogar zwei sein. Was sagen die Ökonomen in Israel dazu?

  2. Oekonomisch gibt es Argumente dafuer (mehr Freizeitindustrie) und dagegen (Lohn in den Taschen) – grob gesagt. Ich denke, dass die Oekonomie hier weniger die Befuerworter interessiert, als eben ‘wie alle Voelker’ zu sein und etwas mehr auf der faulen Haut zu liegen…

  3. velvl says:

    als einer der gruendervaeter gefragt wurde, ob man nicht eine 5 tage arbeitswoche einfuehren sollte, war er ganz begeistert… er meinte dazu, dass wir juden erst mal mit einem arbeitstag anfangen sollten und uns langsam zu ganzen fuenf vorarbeiten.

    es gibt doch praktisch eine 5 tage arbeitswoche in israel. die meisten firmen arbeiten nicht am freitag. und es gibt einen gesetzlichen freien tag ausser dem samstag, der von dem arbeitsnehmer bzw. -geber fuer jeden einzelnen bestimmt werden kann.

    die oekonomen erklaeren, dass die wirtschaftswoche d.h. aktienhandel in unseren globalen welt erst am montag beginnt und die israelischen boersen laufen auf neutralem gang. auch wenn das ein argument dafuer sein sollte, sonntag festzuschreiben, so kann sehen ich nicht ein, wieso das auch fuer einen gemuesenhaendler bindend sein soll.

    wie ich schon sagte, haben am freitag die meisten israelis frei. diejenigen welche arbeiten, tun es hoechstens bis 13:00 uhr um sich fuer schabbat vorbereiten zu koennen. wenn sonntag eingefuehrt wird, dann wird mann praktisch nur eine 4 und ein halb tage arbeitswoche.

    wie gesagt, das wird zu viele probleme mit sich bringen. ausserden habe ich noch niemanden in israel getroffen, der sich darueber beschwert hat, dass es nur einen freien tag gibt.

    was “sechs tage sollst du arbeiten” angeht, so ist es keine vorschrift. d.h. nicht man muss unbedingt an allen tagen ausser dem schabbat arbeiten. mit “arbeit” ist sowieso nicht “die arabeit” gemeint. gott meint, dass man sechs tage arbeiten soll um sich dann den 7. “frei nehmen zu koennen”.

    schlussstrich: dagegen!!!

  4. juergen says:

    Es gibt – sag ich mal als Außenstehender – sicher gute Argumente für Beides, wenn was Vevl sagt man ohnehin nur 5 Tage/Woche arbeitet:

    1. Pro Sonntag oder Freitag: Es sind zwei Tage in Folge frei, was erholungsmäßig besser ist als wenn man nur einen Tag frei hat und wenn das ganze Land (oder zumindestens sehr vile Menschen) da frei haben kann man sehr gut Verwandte besuchen Freunde treffen usw. weil die dann eben auch frei haben (UND in einer Familie haben alle an den selben tagen frei) (mal abgesehen von Leiten mit unvermeidlicher Wochenendarbeit wie zB Polizei, Militär, Gesundheitsbereich usw…)
    1.1. pro Sonntag – für die Christen besser (das sind aber nur wenige?) Am Sonntag läuft weltweit wirtschaftlich ohnehin nicht viel …
    1.2. pro Freitag – für die Muslime besser (aber die haben eigentlich kein Arbeitsverbot bzw. ein Ruhegebot) Sind deutlich mehr als die Christen.
    2. Irgendein zweiter freier Tag (so wie offensichtlich bisher) ist sehr flexibel. Wenn man selber frei hat muss die Mehrheit der Anderen arbeiten, das ist prima für Freizeitasktivitäten (am Strand nicht so voll usw.) und praktisch weil alle Dienstleistungen funktionieren (manchmal muss man eben auch mal “aufs Amt”). Ich habe jahrelang genau das gehabt (etwa zwei Tage frei in der Woche davon einer am Sa oder So) das ist durchaus sehr praktisch.
    3. Sechs Tage arbeiten? Wann mäht ihr den Rasen? (okay der wächst vermutlich nicht… ;-) aber irgendwann macht man zu Hause schon mal ordentlich Krach (Bohrmaschine…) und das “geht nicht” am Feiertag?!?

  5. branco says:

    In Deutschland hat man ja früher auch noch 6 Tage gearbeitet,ganz früher sogar 12 Stunden am Tag.

    Wirtschaftlich wäre das für ISrael wohl nicht von Vorteil,es sei denn es würden mehr Arbeitsplätze entstehen.

  6. Jochanan says:

    Ein zusätzlicher freier Tag würde ja nur Angestellte in gewissen wirtschaftlichen Sektoren und in Bpros die 4.5-Tage Woche bescheren, im Dienstleistungsbereich, hauptsächlich Angestellte in den großen Einkaufszentren müssten wahrscheinlich sogar Überstunden schieben, da sich dort nicht nur der weltliche Teil, sondern das ganze Volk Israel dort tummeln würde.
    Ausserdem sind ja immer mehr Läden auch am Shabbat offen (ausserhalb religiöser Bevölkerungszentren, hab ich mir erzählen lassen), und es wird diskutiert, merh ÖPNV Samstags fahren zu lassen, von daher wäre das ja sowieso Blödsinn….

  7. juergen says:

    @jochanan
    Überstunden schieben — vergiss es.
    Nein die Gesamtarbeitszeit ist doch tariflich fixiert. Sie verteilt sich dann eben anders.
    Beispiel: Bei mir haben einige Lebensmittelgeschäfte von Montag bis Samstag von 07:00 bis 22:00 Uhr geöffnet – also 6 x 15 Stunden = 90 Stunden. Die Mitarbeier/innen haben aber eine 40 Stunden-Arbeitswoche (bzw. ein bisschen mehr oder weniger, je nach Vertrag). Die sind dann eben nicht immer da – soll heißen sie verteilen sich.
    Ob sich so lange Öffnungszeiten lohnen?
    Am Feiertag zu arbeiten ist für manche Leute unvermeidlich (Ärzte z.B.- was aber auch nach jüd. Kriterien okay ist (Ihr sagt halacha)) aber der Supermarkt muss nun wirklich nicht offen sein

  8. jerry1800 says:

    MANILA, Philippines (AP) — The Philippine military said it killed three most-wanted leaders of the al-Qaida-linked terrorist groups Abu Sayyaf and Jemaah Islamiyah at dawn Thursday in one of the most significant successes against militants on their southern island stronghold.

    Those killed included Abu Sayyaf leader Umbra Jumdail, a Filipino, Malaysian Zulkifli bin Hir, also known as Marwan, and Singaporean Abdullah Ali, who uses the guerrilla name Muawiyah, said military spokesman Col. Marcelo Burgos.

    Marwan is considered a top leader of the regional terrorist network Jemaah Islamiyah. Marwan carried a $5 million reward for his killing or capture and Muawiyah $50,000, both put up by the U.S. government.

    Burgos said the military carried out the attack early Thursday morning in Parang town on Jolo Island, the stronghold of the Abu Sayyaf and their allies from the Indonesian-based terrorist network Jemaah Islamiyah.

    The Abu Sayyaf is behind numerous ransom kidnappings, bomb attacks and beheadings that have terrorized the Philippines for more than two decades.

  9. Jochanan says:

    Na, Juergen,

    ich befürchte nur, dass die netten Damen und Herren in den großen Einkaufstempeln zwischen Dan und Eilat nicht gewerkschaftlich organisiert sind und bei vielen ist die 40-Stundenwoche auch nur en ferner Traum, und ein Zweitjob Realität (Im Einkaufstempel um die Ecke) um über die alltäglichen Runden zu kommen und das I-Phone abzuzahlen….

  10. flan says:

    Soviel ich sehe, beschweren sich viele Orthodoxe Juden, die Aliya machen, dass ihnen der Sonntag fehlt.

    Den nicht-religiösen kann es ja wurst sein, die machen halt am Shabbat alles, was die christlich geprägte Welt am Sonntag tut.

    Gerade die religiösen haben ein problem damit, dass sie keine Zeit haben, von ihrem Shabbat-Besuch wieder zurück zu kommen, so dass sie am Sonntag morgen pünktlich bei der Arbeit sind. Gerade die Religiösen klagen, dass ihnen für Familien-Ausflüge u.ä. gar keine Zeit bleibt: am Freitag muss man ja auf Shabbat vorbereiten, man hat nur beschränkt Zeit.

    Ich würde mich gerade auf Seiten der Religiösen sehr dafür einsetzen, dass Sonntag zum zweiten Tag des Wochenendes wird statt Freitag.

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