Ulrich J. Becker, Jerusalem, 29. Tewet 5772
‘Wir koennen auch Griechen sein!’ – Juedische Sportler zum Beginn des 20. Jhd. …
Wie gesagt, was mich an den fruehen Zionisten immer interessierte, war ihre Definition des zionistischen Weltbildes als Antwort auf die antisemitischen Weltbilder Europas.
Was meine ich damit?
Was warf der Antisemitismus des 19. Jhd. und des fruehen 20. Jhd. den Juden vor? Sie seien umherziehende, heimatlose Gauner. Arm und bettelnd, oder reich und ausbeutend – nie aber koerperlich arbeitend. Ja, der Jude, wuerde sich nie die Finger dreckig machen, sondern gewitzt und mit List es verstehen Geld aus den armen unjuedischen Bevoelkerungsschichten zu pressen. Er sei eklig, kraenkelnd, intellektuell, ein Feigling und Schwaechling und sowieso ganz und gar weiblich. Und diese Liste koennte noch etwas ergaenzt werden.
Vielleicht sogar erst einmal verstaendlich, wenn auf die armen europaeischen Juden diese Anschuldigungen und Spottbilder prasseln, dass es bald eine Gruppe gab, die nicht etwa sagte:
‘Ja, wir sind gerne ‘weiblich’, wenn ihr damit meint, dass wir weniger brutal sind, uns weniger besaufen, weniger pruegeln, uns wegen albernen Ehrespielchen weniger abmetzeln etc., auf Bildung wert legen, lieber Realisten als esoterische Idealisten sind etc., ja, dann sind wir gerne ‘weiblich!”
Sondern eine Gruppe, die dem Antisemiten sagen wollte: ‘Stimmt ja gar nicht, wir koennen auch richtige stramme, kerngesunde Kerle sein, die mal richtig anpacken – und, ja wir werden uns auch einen Nationalstaat bauen und euch mal zeigen, dass das alles nicht stimmt.’
Und so waren dann (natuerlich ueber ein paar Umwege und Differenzierungen) die saekularen Zionisten geboren. Sie wollten den Galut(Diaspora)-Juden hinter sich lassen, heraus aus dem dunklen Staedtlzimmer ueber dem Talmud zur freien Sonne in Eretz Israel und sich durch seine Schollen wuehlen, bis ihnen kein Antisemit der Welt mehr vorwerfen konnte, arbeitsfaule Sesselhuepfer zu sein. Und wer hatte hier was von Feigling gesagt? Mit der Flinte ueber der Schulter und hoch zu Ross – ein Unding zu langen Zeiten des Mittelalters in christlichen und muslimischen Gefilden – beschuetzen sie jetzt die ersten Sproesslinge eines zukuenftigen juedischen Nationalstaats.
Ich sage das nicht durchaus negativ. Von frueh an zeigte sich die nationalreligioese Bewegung sehr dankbar dieser Entwicklung gegenueber ohne die die Wiederbesiedlung und Befreiung Eretz’ Israels vielleicht noch nicht erreicht waere. Es waren diese ‘Muskel-Schollen-Juden’, die den ur-biblischen Gedanken und juedischen Ethos der Besiedlung des Landes, der Errichtung eines unabhaenigegen juedischen Gemeinwesens und des landwirtschaftlichen Bebauens Israels umsetzten. Und das auch ‘Dank’ der antisemitischen Verspottung.
Naja, zumindest zu einem kleinen Teil, denn im Ganzen hatten weder die Antisemiten noch die auf sie eingehenden Zionisten recht: Juden sollten nicht von Antisemiten ableiten, wie sie sich am besten verhalten sollten, sondern aus der Torah.
Und ja, die Torah ist – ganz(!) im Gegensatz z.B. zum Islam – voll von landwirtschaftlichem Schaffen, Gesetzen und Geschichten. Aber z.B. Muskelprotz, die Ablehnung des Torahstudiums etc. sind ganz sicher nicht im Sinne der Torah. Auch ist es bei weitem kein Verbrechen Geld zu verdienen, nein nicht mal bei Schreibtischarbeiten! Dass das christliche gepraegte Europa seit dem neuen Testament einen Reichenknacks hatte – dem man meiner Meinung nach bis ins heutige (selbst atheistische) linke europaeische Spektrum a la attac und Co. nachverfolgen kann -, heisst nicht, dass es falsch ist, reich zu sein. Robin Hood war nach der Torah kein Ehrenmann, sondern erstmal ein Dieb. Nur eine Kultur (die europaeisch christliche), wo Reichtum an sich schon suspekt und ein halbes Verbrechen ist, ist es eine Wohltat und Tugend diese von ihrer suendischen Last zu entheben. Siehe auch den europaeischen Sozialstaat… Ich erinnere mich auch daran, dass reichen Leute, die ich in Deutschland kannte, in der ‘normalen Gesellschaft’ ihr Reichtum peinlich war und sie ihn lieber versteckten.
Aber ich schweife ab. Was ich sagen wollte: Juden sollten wegen falscher, antijuedischer Kritik nicht gleich ihre Torah-Werte aus den Angeln heben.
Die Torah lehrt uns, mit unserem Leben vorsichtig umzugehen und keine unnoetigen, lebensgefaehrlichen Situationen einzugehen. Mag es ein Clown ‘Feigheit’ nennen, so what. Surft man deswegen auf der naechsten S-Bahn?
Wobei ich fuer heute beim letzten, aber nicht gerade kleinen Punkt angekommen bin: Der olle Sport.
Eines der einfachsten und praktischsten Mittel, den alten Antisemiten zu zeigen, dass es ‘neue Juden’ gebe, die den antisemitischen Beschreibungen zu widerlaufen (anstatt dessen Werte selbst als Bloedsinn zu entlarven), war es, sich in Trainungssachen zu schmeissen und der hulden, griechischen Tugend der koerperlichen Ertuechtigung und des sportlichen Wettkampfes froenen. (Zionistische,) juedische Sportvereine sollen damals aus dem Boden geschossen sein. Hier war der neue Jude: Halbnackt und muskelprotzend – die schaerfste Antwort auf die idiotischen Antisemiten.
Zum Glueck hat sich das mittlerweile etwas in Israel gegeben, und gluecklicherweise ist Israel in internationalen Sportwettkaempfen sehr weit hinten vertreten. Leider hat sich dieser Ethos aber doch irgendwo ueberlebt und so gibt es z.B. die all-juedische Olympia-Adaption der Maccabiade.
Natuerlich ist es immer nett eine Ausrede zu haben, damit sich Juden treffen und sozialisieren koennen – und das auch noch aus aller Welt -, aber warum gerade den Sport und dann noch als griechischen Abklatsch dafuer nehmen? Dass die Europaer sich darin betaetigen ist nur historisch korrekt. Aber im Judentum ist die Fixierung auf Sport absolut nicht vertreten – ja im Hebraeischen gibt es nichteinmal ein Wort dafuer, so dass heute der Israeli gut biblisch “Sport” [eher englische Aussprache] sagt.
Versteht mich nicht falsch: Alles was zur Gesundhaltung des Koerpers beitraegt ist von der Torah empfohlen und somit sollte auch gelegentlicher Sport darin vertreten sein, aber doch nur, um besser dem groesseren Ziel – einem Torah-treuen Leben – nachzustreben. Den Sport aber zum Ziel, zur Sache an sich, zu machen, zum Beruf und Lebensinhalt ist meiner Meinung nach mit der Torah nicht zu stuetzen. Natuerlich gibt es in Israel noch den Faktor der Armee, wo junge Kerle bis alte Knacker noch lange in der Freizeit Sport treiben, weil sie in der Armee viel leisten wollen und die bestmoegliche Fitness wahren wollen. Da dies kein Ziel in sich selbst ist, sondern im Endeffekt zur Verteidigung des Landes beitraegt, ist auch dies wohl eher unproblematisch.
Nur wenn ich Sport- oder Fussballfunktionaere im israelischen Radio reden hoere, die dazu aufrufen, dass Israel mehr in den Sport investieren sollte, dass es sehr wichtig ist internationale Medaillen zu bekommen etc., muss ich doch protestieren.
Besser das Geld in Bildung und Forschung mit Ziel Nobelpreis oder gar in Schachturniere oder ‘Bibelolympiaden’ stecken, als sie fuer die uebertriebene griechische Huldigung des Koerpers und des sinnlosen Wettkampfs von Vereinen zu verschwenden. Aber, klar, viele Leute haben Spass daran, okay. Ich weiss, man wird die Israelis nicht dazu bringen koennen, keinen Fussball oder Basketball mehr zu sehen oder zu spielen, aber vielleicht ein bisschen in Torah-Perspektive sollte man es doch mal ueberdenken und sich fragen, was genau die Welt veraendert, wenn Gruppe A Gruppe B besiegt und nicht andersherum…
Naechstesmal zu ‘unjuedischen Geldscheinen’ oder doch eher zum Versuch der ‘unjuedischen Einfuehrung des Sonntags’ als zweiten freien Wochentag…



naja, dass das christliche geprägte Europa einen Reichenknacks hat wird doch durch den Reichenknacks nicht weniger Jüdischer ergänzt, denn nicht nur das christliche geprägte Europa, sondern auch Israel hat ein Problem mit den Linken.
Ja, da hast du Recht, obwohl diese einwandfrei ideologisch bis biologisch aus Europa stammen
[...] Teil Beth: Muskeljuden, antisemitische Vorlagen fuer fruehe Zionisten und die Maccabiade… [...]