Ulrich J. Becker, Jerusalem, 27. Tewet 5772
Eigentlich sollte dieser Artikel passend zu Chanukka kommen, bzw. dann spaeter noch mal als Ausrede zum christlichen Neujahr, und nun ganz ohne Ausrede, einfach weil es mich schon eine Weile rumtreibt.
Wenn man mal ganz banal verallgemeinert, koennte man Juden, ausser in religioes und unreligioes, aschkenasisch und sefardisch, Israelis und Diasporajuden, etc., einfach in folgende zwei Gruppen aufteilen: Diejenigen, die das juedische Volk ‘vernormalisieren’ wollen, und diejenigen, die seine besondere Position aufrecht erhalten und ausbauen wollen.
In die erste Gruppe fallen sehr viele – meist natuerlich saekulare – Israelis, die Israel ‘wie alle anderen Laender’, ‘wie Europa’, ‘wie Amerika’ etc. haben wollen. Bei ihnen gilt alles was ‘chul’ (auslaendisch) und im Enddefekt unjuedisch ist, als besser, schicker, fortschrittlicher, erstrebenswerter. Und so wuenschte sich z.B. Henryk M. Broder gerade (Vorsicht, leider viel Falsches und Undifferenziertes.), der sich aber immer wieder energisch fuer Israel einsetzt, dass “aus der ‘Schicksalsgemeinschaft’ der Verfolgten eine normale[!] Nation wird“. Er trifft damit die Quintessenz des saekularen zionistischen Projekts: Dem nunmal existenten juedischen Volk der Verfolgung und Vernichtung entziehen und ihm ein Land – wie allen anderen auch – beschaffen und es zu einem normalen Volk zu machen.
Auf der anderen Seite ist Israel, das Volk, dass sich seit biblischen Zeiten von den Taten und Ideologien aller anderen Nationen absonderte. Reich ist die antisemitische Natur, die gegen diese “Trennung“, gegen diese “Absonderung“, wie sie z.B. Hegel gerne nennt, wettert und dem Judentum gerade um ihretwillen den Kampf ansagt. Sie fuehlen sich verstossen, erniedrigt, durch den Ausschluss und die angebliche ‘Exlusivitaet’ des Judentums – ja Islamisten heute kann man nicht selten in hoechste, verbitterte Rage kommen sehen, wenn sie dem Judentum vorwerfen, verschlossen fuer alle anderen zu sein, die nicht von Geburt aus im Club mit dabei sind. Das ist natuerlich Quatsch, aber der Punkt der Abschottung, Abgrenzung von anderen Nationen ist nicht nur nicht zu verleugnen, er ist immer Programm im Judentum und durch die biblische und nachbiblische Geschichte, bis heute, ist Assimilation, Mischehen, etc. immer ein brandaktuelles Thema gewesen.
Und hier gibt es auch nichts zu verstecken, sondern ganz klar zu sagen, woher diese Abschottung waehrt: Das Leben mit und nach der Torah, ihr Studium und ihre Verbreitung strebt immer nach den allerhoechsten ethischen Massstaeben und Umgangsformen. Andere Kulturen werden stets als ‘ethische Verwaesserungsgefahr’ angesehen und das zu Recht.
Oder andersherum: Wenn es nicht einen ganz grossen ethisch-menschlichen Schatz gaebe, einen moralischen, fortschrittlichen Reichtum, den das Judentum ueber seine Anhaenger und ueber die ganze Welt fortwaehrend ausschuettet, warum sollte es dann die ganzen Anstrengungen und das ganze Leid wert sein, es zu erhalten?
Dann koennten wir doch sagen: Lasst es gut sein, genug der Muehen. Lasst uns so werden, wie alle anderen, ist ja eh nur die selbe Sosse mit anderen Gewuerzen und wir loesen uns auf, verschmelzen mit anderen Voelkern, Kulten, Kulturen, Religionen und fertig, aus. No more anti-Semitism, no more Ausschwitz. Ja, zum einen gibt es Antisemiten, die Juden einen dicken, grausamen, blutigen Strich durch diese Rechnung machen, noch bevor sie sich fuer sie begeistern koennen, und dann gibt es die Traditionellen, die an dem was sie von ihren Eltern lernten zu schaetzen, weiter tragen, egal warum eigentlich – ein Glueck das es sie gibt – und zum anderen gibt es da dann doch immer eine Gruppe, die die tiefe Welt-erhaltende, menschliche Mission der Torah auf sich nimmt und mit tiefer Ueberzeugung an die Arbeit geht, und ja, sich bewusst von anti-Torah Kulturen entfernt.
In der Chanukka-Geschichte sind wir in einem der vielen historischen Zusammenstoesse dieser Positionen und gluecklicherweise, gewinnt hier die Gruppe, die Israel als ein besonderes, Torah-treues Volk erhalten und gedeihen sieht, gegen die Hellenisten, die aus Israel ein Volk ‘wie jedes andere’, oder genauer: wie das aller Griechen und hellenisierten Voelker, machen wollte.
Ironischerweise gibt es zwei Gruppen im heutigen juedisch-israelischen Spektrum, die theoretisch ein ideologisches Problem damit haben sollten, Chanukkijot zu Chanukka anzuzuenden und dieses Fest zu feiern: Die ganz weit auf der Seite der ‘Normalisierungsbewegung’ stehen und die ganz weit auf der Seite der ‘Abschottungsbewegung’ stehen: Der Teil der saekularen Chelonim (und es gibt auch andere), die nichts mit juedischer Identitaet, mit Torahwerten etc. anfangen koennen, bzw. diese direkt ablehnen und sich wuenschen, wie alle anderen zu sein – sie sollten eigentlich keine Chanukkakerzen anzuenden, da sie gegen ihr eigenes Weltbild brennen. Und auch die antizionistischen Charedim sollten sich meiner Meinung nach fragen was sie da eigentlich machen, wenn sie einem Fest gedenken, was die aktive, militaerische und politische juedische Befreiung Jerusalems und des Landes Israels durch Juden feiert, waehrend sie selbst heutzutage jede aktive, militaerische und politische juedische Befreiung Jerusalems und des Landes Israels nicht nur verweigern, sondern bekaempfen?
Und jetzt spielte die Geschichte uns aber ein Schnaeppchen, denn es waren gerade die groesstenteils saekularen, sozialistischen, nationalen Zionisten, die das juedische Heimatland nach zweitausend Jahren befreiten. Sie, die doch eigentlich ausgezogen waren, um Israel wie ein Volk aller Voelker zu machen, erlangten ihm nun die Wiege zurueck, die es zu einer besonderen Torah-Nation machte. Natuerlich kann man den Bogen auch weiter spannen und sagen, dass die allgemeine Nationalstaatenbewegung in Europa dieser Zeit, die juedische Zionisten wie Herzl stark beinflussten, doch ihrerseits urspruenglich eine moderne Adaption der ‘hebraeischen Republik‘ des Tanachs darstellte und insofern doch die Torah hier ihren gewaltigen Beitrag leistete.
Aber dazu vielleicht ein ander mal. Was mich an diesen fruehen Zionisten immer interessierte, war ihre Definition des zionistischen Weltbildes als Antwort auf die antisemitischen Weltbilder Europas…
WEITER IM NAECHSTEN TEIL…



HM Broder, Ex-Linker, ist ein opportunistisches Oberarxxx
Liebe Israelis, willkommen in Deutschland und der Schweiz, wo nicht viel anders ist:
http://www.20min.ch/news/ausland/story/Jeder-fuenfte-Deutsche-ist-antisemitisch-29727513
Uli, das sehe ich anders, also ähnlich wie Henryk. Absondern versus zum normalen Volk werden, da bin ich klar für zum normalen Volk werden, was Israel und uns Jüdische im Allgemeinen angeht. Wenn sich die Haredim, ähnlich wie christliche Sekten, absondern wollen, bitteschön, dann sollen sie es, solange sie nicht von Anderen verlangen, nach ihren Regeln zu leben. Die Zukunft Israel sehe ich nicht im Torah-Staat, der den rest der Menschheit mit stets neuen Erkenntnissen beglückt, sondern in seiner Normalität im Rahmen fortschrittlicher westlicher Demokratien.
Danke lieber Rainer für deinen Kommentar. So denke ich auch. Ich habe nur gewartet, dass jemand von euch es auspricht. Ich fand Broders Analyse treffend.
Wie gesagt, koennte man dann gleich fuer westliche Assimiliation streiten, wie es z.B. die juedischen Hellenisten taten. Ich ging bei Broders Artikel nicht zu sehr ins Detail, da er sich eigentlich sehr fuer Israel einsetzt, aber der Artikel war wirklich nicht nur falsch und undifferenziert, sondern auch mit flaschen Fakten – z.B. der Anteil der Ultraorthodoxen (oder meint er doch alle Orthodoxen?) an der Bevoelkerung, oder dass “Orthodoxe” was gegen Arbeit haetten – schon mal was von “Torah WeAwoda(!)” gehoert? etc. … Die deutsche Seele mag Herr Broder kennen, aber religioese Stroemungen in Israel auseinander zu halten, faellt ihm offensichtlich sehr schwer.
Uli, Henryk mag durchaus in einigen Details falsch und undifferenziert urteilen, allerding wirkt er mit seiner Rede nachhaltig gegen antisemitische Klischee, wonach die Haredim demnächst, bedingt durch ihre hohe Geburtenrate die Mehrheit in Israel bilden werden, mit Hinweis auf den Fakt entgegen, dass mehr Kinder der Haredim zu Sekulären werden, als umgekehrt.
Das ist sehr wichtig und genauso wichtig wäre es gewesen, hätte Henryk die Darstellung in der Printausgabe des “Der Spiegel” vergangener Woche, in der diese Halunken ausgerechnet einen Aktivisten der Neturei Karta sozusagen zur Inkarnation der Haredim machen, zurückgewiesen. Insofern muss ich dir natürlich recht geben.
Uli, selbst Juden können nicht so gut zwischen alle Gruppierungen der Ultraorthodoxen differenzieren – zumidest meines Wissens nach – wie willst du dann, dass sonstige es tun können?
Hier, in der Schweiz, erkennen die Leute die orthodoxen Juden an ihre Kleidung und man weiss nichts über sie, ausser, dass sie in ihrem Viertel für sich leben und man wundert sich, dass Vorurteile entstehen und diese als “Radikale” betrachtet werden (wie “Denker” in einem Kommentar zu dem Link oben geschrieben hat).
Ich habe oft die Frage gehört, Die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt und ich finde keine plausible Antwort darauf. So viel ich weiss, war das sicher nicht die Kleidung, die Moses trug. Ich glaube kaum, dass dies in Zusammenhang mit der Thora zwingend ist. Diesbezüglich sind sich auch viele Juden nicht im Klaren.
Vorurteile werden nur dadurch bekämpft, wenn man gezielt zur Aufklärung beiträgt und etwas Transparez schafft, aber genau das Gegenteil ist der Fall im bezug auf die orthodoxen Juden, sowohl in Europa, Amerika, Israel und sonst wo.
Und eine gewagte Frage: Was meinst du genau unter “der besonderen Position des jüdischen Volkes aufrecht erhalten und ausbauen”?
Die Frage – die veschwunden ist – war:
“Warum kleiden sich ‘die Juden’ sich so, zumal diese Kleidung ihnen in den grauen Zeiten in verschiedenen europ. Ländern aufgewungen wurde, wie auch nur in einer bestimmten Ortschaft oder einem Viertel zu leben, wenn sie doch heute dort wohnen könen, wo sie wollen?”
@rainer
die entscheidende frage in dieser diskussion ist, ob man von einer existenz gottes ausgeht oder nicht.
wenn man nicht an gott glaubt, so kann man gleich einpacken, d.h. das juedische volk keine grund fuer existenz. wozu dann juedisch bleiben? weil man eine besondere geschichte hat? aber es ist doch geschichte und nichts weiter. sollte man an seinem judentum halten so wie die arabischen grossfamlien an ihren klan halten? aber wozu? durch assimilation wuerde man sofaort alle probleme los sein.
“Uli, selbst Juden können nicht so gut zwischen alle Gruppierungen der Ultraorthodoxen differenzieren – zumidest meines Wissens nach – wie willst du dann, dass sonstige es tun können?”
Ich will niemand zu Ultraorthoxen Experten machen, der ich auch nicht bin, aber wenn man in einer Sache nicht so die Ahnung hat, sollte man sie zum einen vielleicht sein lassen und vor allem nicht dieses Halbwissen nutzen um eine ganze Gruppe (“Orthodoxe”) in ein sehr problematisches Licht zu stellen – und das noch vor einem Publikum, dass das teilweise nur zu gerne hoeren moechte…
“So viel ich weiss, war das sicher nicht die Kleidung, die Moses trug. Ich glaube kaum, dass dies in Zusammenhang mit der Thora zwingend ist.”
Es handelt sich meines Halbwissens um eine Kleidung polnisches Edelleute. Es ist richtig, dass der Talmud den Torahgelehrten in edlen Sachen (und nicht als ‘Schlumper’) sieht – was ‘edle Sachen’ sind und in welcher Zeit und wer ‘Torahgelehrter’ ist etc. ist natuerlich weit offen fuer Diskussionen.
Natuerlich ist es besonders albern, wenn die dicken Kaftane unter der alten israelischen Sonne wandeln – aber es ist halt ‘Tradition’. Ich denke, das koennte sich in ein paar Jahrhunderten aendern. Auch die Kaftane sind nicht unbedingt sehr alt.
Und eine gewagte Frage: Was meinst du genau unter “der besonderen Position des jüdischen Volkes aufrecht erhalten und ausbauen”?
Hatte ich versucht zu erklaeren. Was ich damit – sehr zusammengefasst – meine, sind hoechte ethische und menschliche Standards versuchen anzunehmen und moeglichst als ganzes Volk.
Julia, es gibt Traditionen und Bräuche (Minhagim) und Gebote im Judentum. Alle sind bindend, ob sie nun in der Thora so stehen oder nicht. Beispiel: Kippa. Du wirst nirgends in der Thora davon lesen, aber es ist ein Brauch und daher sind Juden genauso daran gebunden wie ein Gebot, was man in der Thora lesen kann.
Yael, da hast du im Prinzip Recht, aber:
Talmud – Massechet Schabbat 156b:
“Bedecke deinen Kopf damit die Ehrfurcht vor dem Himmel ueber dir sei.”
Talmud – Massechet Kidduschin 31a:
“Rabbi Hunah Ben Joschua ging niemals mehr als vier Ellen mit einem unbedeckten Kopf. Er erklaerte: ‘Weil die goettliche Gegenwart immer ueber meinem Kopf weilt’”
[...] Teil Aleph: Ein ‘normales’ oder ‘besonderes’ Volk sein? [...]