Ulrich J. Becker, Kiryat Ono, 27.06.5770 (12.Omer)


Sag mir welche Zeitung du liest, und ich sag dir wie du politisch drauf bist…


Gerade erst hatte ich Herrn Verenkottes Artikel zum Atomkipfel in Washington gelesen und dass da der ‘aengstliche’ Netanjahu nicht hingehen wollte (dass Obama den Gipfel kurzfristig von atomare Terrorbekaempfung/Iran auf ein Anklagen des israelischen Nuklearprograms – gegen alle Abmachung mit Israel – umlenken liess, ist ja nicht so wichtig). Am Ende des Artikel faellt mir wie nebenbei auf, dass ich ziemlich oft das Wort “Ha’Aretz” gelesen hatte. Ich kucke nochmal nach. Ja, dreimal zitiert Herr Verenkotte die linke Ha’Aretz. Aber nur einmal Jedioth Achronot – die groesste und verbreiteste Zeitung Israels. Mmh, vielleicht eine Laune von ihm?

Ich kuck nochmal auf Verdacht in den letzten Tagesschau Artikel davor von Herrn Engelbrecht: “Ha’Aretz” auch dort DREIMAL zitiert und keine einzige andere israelische Zeitung.

Jetzt wollte ich mir das ganze doch genauer anschauen und die Ergebnisse verbluefften sogar mich…


Welches objektive Instrument hat man, um etwas bei der Tagesschau zu ueberpruefen? Genau, die Tagesschau eigene Suchmaschine, die bei uns schon einmal zum Aufdecken von groben Einseitigkeiten benutzt wurde.


Ich gab also in die Tagesschau Suchmaschine die Namen der grossen, gaengigen israelischen Tagesszeitungen ein, kuckte mal was rauskam (wo mehrere Schreibweisen auf deutsch moeglich waren, beruecksichtigte ich das), stellte dies dem Marktanteil der jeweiligen Zeitung in Israel gegenueber und erwaehnte deren politische Ausrichtung [in eckigen Klammern]. Das Ergebnis sieht so aus (geordnet nach Marktanteil:)


1. Jedijoth Achronoth [Mitte Links] hat ca. 34% Marktanteil in Israel und wird in 51 Tagesschauartikeln erwaehnt. (“Jedioth” 24 mal und “Yedioth” 27 mal)


2. Israel HaJom [Mitte Rechts] hat ca. 27% Marktanteil in Israel und wird 0 mal in Tagesschauartikeln erwaehnt. (“HaJom” 0 mal und “HaYom” 0 mal)


3. Maariv [Mitte Links] hat ca. 14% Marktanteil in Israel und wird 30 mal in Tagesschauartikeln erwaehnt. (“Maariv” 30 mal und “Maariw” 0 mal


4. Ha’Aretz [Links] hat 6,6% Marktanteil in Israel und wird 218 mal in Tagesschauartikeln erwaehnt. (“Ha’Aretz 26 mal und “HaAretz” 192 mal) http://en.wikipedia.org/wiki/Haaretz


Fairer weise sollte man noch hinzufuegen, dass auch die Jerusalem Post [Mitte Rechts] recht wichtig ist, aber da sie bis vor kurzem nur auf Englisch erschien und deren Marktanteil schwer zu ueberpruefen war, u.a. weil sie auch viel im Ausland gelesen wird, in Israel aber eher kaum, hab ich sie mal rausgelassen. Bei Tagesschau wird sie 48 mal in Tagesschauartikeln erwaehnt (wenn auch einige Artikel anscheinend nur “Jerusalem” und “Post” gefunden haben oder komischer Videos ohne “Jerusalem Post” im Titel sind. Aber geschenkt.

Sprich, wenn ich alle drei anderen grossen israelischen Zeitungen zusammen nehme (sogar noch mit der Jerusalem Post), was 75% Marktanteil ausmachen wuerde, werden sie von der Tagesschau fuer Nachrichten nicht einmal halb so oft benutzt wie die winzige, aber dafuer um so israelkritischere, HaAretz. Dazu bedenke man, dass HaAretz gerade wegen dem Anat Kam Skandal (ich ueberlege was zu schreiben) in ein sehr schlechtes Licht kommt, denn die Zeitung erklaerte offiziell einen ihrer Journalisten auch weiterhin zu unterstuetzen und ihm sein Gehalt zu zaheln, der sich fluechtig in London aufhaelt, da er wegen der Entwendung von hochgeheimen Dokumenten wegen schweren Landesverrats in Israel gesucht wird. Sogar in der Knesset regten jetzt einige rechte Abgeordnete an, HaAretz wegen ihrer offenen antiisraelischen Haltung zu schliessen oder doch wenigstens zu boykottieren.


Und Ha’Aretz ist dann bei der Tagesschau DIE israelische Zeitung, die zitiert wird, um ein moeglichst ‘ausgewogenes’ Bild ueber Israel zu geben? Beeindruckend auch, dass der israelische Zeitungsnewcomer Israel HaJom, der es auf Platz zwei in Israel schafft, nicht ein einziges mal von der Tagesschau zitiert wird, hoechstens mal ein mitte-links Blatt. Hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass dies die einzige der grossen Zeitungen ist, die sich rechts von der Mitte gibt? Es ist gerade so, als wuerden israelische Korrespondeten in ihren Artikeln in Israel nur die taz zitieren und einen grossen Bogen um die BILD und andere grosse machen, die hauptsaechlich das Zeitungsbild und die Meinungsbildung in Deutschland bestimmen. Moegen die Tagesschau Korrespondeten die HaAretz also so gerne, weil sie die linkeste und israelkritischste von allen ist? Dieser Verdacht draengt sich leider auf.


Mal sehen, wann ein Tagesschaukorrespondent das erste mal Israel HaJom zitiert?



Uebrigens gibt es in Israel auch viele Linke, vor allem in den Medien, die Israel HaJom als grosse, boese Gefahr darstellen, weil diese angeblich Bibi unkritisch unterstuetzen wuerde. Einige erklaerten es sogar als “Gefahr fuer die Demokratie” (Hebraeisch), was natuerlich lustig ist, bei einer Zeitung die den Markt aus seiner Einseitigkeit herausholt, und ihn einfach etwas politisch vielschichtiger und demokratischer macht. Woher also die scharfen Worte?

Nun ja, Israel HaJom, das in 2007 zum erstenmal rauskam, hat den israelischen Zeitungsmarkt aufgemischt. Der juedisch-amerikanische Milliardaer Sheldon Adelson hatte sich entschlossen, der eher einseitig linken Presse in Israel etwas entegen zusetzen. Also suchte er sich einige faehige mitte-rechts Journalisten und verteilte seine Zeitung kostenlos ueberall auf Israels Strassen. Das fuehrte sofort zu starken Einbruechen bei den anderen Zeitungen (und das merken Journalisten der anderen Zeitungen wohl halt auch am eigenen Fleisch und sind dann dementsprechend hysterisch) und die politische Richtung scheint auch sehr gefragt zu sein. Und so ist Israel HaJom in kuerzester Zeit von Null auf den zweiten Platz der israelischen Tageszeitungen gesprungen, ist aber wohl nur noch nicht bei den Tagesschaukorrespondeten in Israel angekommen. Schade, es waere sogar umsonst…



10 Comments to “Sag mir welche Zeitung du liest… – Wenn Tagesschaukorrespondeten am liebsten die kleinste und linkeste der gaengigen israelischen Tageszeitung zitieren…”

  1. dave says:

    Zuerst ein kleiner Hinweis: Die Quelle mit den Marktanteilen der einzelnen Zeitungen ist nicht mehr aufrufbar. Ich konnte auch keine alternative Quellen für diese Angaben finden. Sollten die Prozentangaben tatsächlich stimmen, hätte ich nicht gedacht, dass der Marktanteil der Ha’Aretz so gering ausfällt! Wahrscheinlich bin auch ich der deutschen Berichterstattung mit der überproportionalen Verwendung der Ha’Aretz-Zitate auf den Leim gegangen.

    Besteht tatsächlich ein prinzipieller unterschied zwischen Yedi’ot Aharonot und Ha’Aretz?! Ich kenne zwar nur deren englischsprachige Online-Ausgaben, aber in meiner Wahrnehmung hauen beide Zeitungen in die gleiche Kerbe.

  2. heplev says:

    Der englische Dienst von Ha’aretz wird weltweit stark genutzt. Die Zeitung wird wohl inzwischen nicht mehr wirklich für Israel geschrieben, da sich ihre Klientel in der Hauptsache im Ausland befinet.
    Dazu kommt, dass ein guter Ruf, den man sich irgendwann einmal erworben hat, durch nichts zu zerstören ist, wenn das Organ links steht und die internationale Presse jemanden als Zeugen braucht. Das gilt z.B. auch für die New York Times, die inzwischen so viel Schrott produziert, dass ihnen die Leser scharenweise weglaufen müssten – nur die Auslandskorrespondenten, die sehen sie immer noch als das Vorzeigeblatt an. Weil sie das produziert, was sie gerne als Meinung haben wollen. Oder das Beispiel CNN, denen die (nachweisbar) die Zuschauer abhanden kommen – wer einen US-Sender und seine Berichterstattung anbringt, der zitiert CNN.
    Es ist also nicht nur ein Phänomen in Sachen westliche Journaille und Israel, es läuft auch in anderen Staaten so. Allerdings ist das Beispiel Ha’aretz wohl das krasseste.
    (Wieso fühle ich mich so an die Raben und das Augen nicht aushacken erinnert? Es ist doch eher so, dass nicht Kritik nicht geübt wird, sondern dass die linken Schmierfinken und Schwätzer ständig voneinander abschreiben…)

  3. [...] 5. Dieser Uri Blau wurde dann vom israelischen Inlandsgeheimdienst ausfindig gemacht und wie dessen Chef Juwal Diskin dieser Tage bekannt gab, leider mit Samthandschuhen angefasst, obwohl eine “direkte Gefahr” bestand: Man bat ihn alle Dokumente zurueckzuerstatten und die Sache sei mehr oder weniger gegessen. Herr Blau tat so, als spiele er mit, gab 50 der 2000 Dokumente zurueck und ging in einen Backpackurlaub von dem er nicht mehr zurueckkam, da er sich seit Anats Festnahme in London versteckt haelt. Er kann jetzt keinem mehr erzaehlen, dass er nur seinem kritischen Journalistenjob nachgehen wollte, wenn ihn offzielle staatliche Einrichtung ausdruecklich ueber die Gefaerhlichkeit der Dokumente aufgeklaert hatten und diese zurueckforderten. Spaetestens mit seiner Taeuschung hat er sich sehr sehr strafbar gemacht. Kleine Details am Rande: Der Schabak arbeitete eng mit dem Staatsanwalt zusammen und machte alles rechtlich. Er zerstoerte auch den Laptop in Uri Blaus Anwesenheit und finanzierte einen neuen. Er durfte auch die 50 Dokumente nicht dafuer benutzten die Quelle davon ausfindig zu machen. Soviel Rechtsstat wollen die Linken lieber nicht erwaehnen. Ein weiteres peinliches Detail: Die Ha’Aretz stellte sich unterstuetzend hinter ihren vorsaetzlich staatsverraeterischen Journalisten und bezahlt ihm weiterhin Gehalt in seinem Londoner Versteck, wie ich schon erwaehnte. [...]

  4. Stefan says:

    Sehr gutes Thema! Bliebe noch zu ergänzen, dass die Ha’Aretz stets als die “liberale Ha’Aretz” bezeichnet wird. Das amerikanische “liberal”, welches “links” bedeutet wird einfach als “liberal” übersetzt.
    Damit wird den Lesern/Zuschauern suggeriert: Wenn schon eine liberale Zeitung es so und so ausdrückt, was werden dann wohl die linken Zeitungen noch zusätzlich benennen? Nach dem Motto “In der TAZ werden die Sachen auch deutlicher benannt als in der ZEIT.”

  5. [...] “1. Jedijoth Achronoth [Mitte Links] hat ca. 34% Marktanteil in Israel und wird in 51 Tagesschauartikeln erwaehnt. … [...]

  6. [...] erwähnte Sichtweise zu publizieren, hier sind einige Artikel, die diesen Umstand analysiert haben. Einer ist dabei besonders interessant, denn er zeigt, dass die Tagesschau zum größten Teil die linke, [...]

  7. [...] von deutschen Israelkorrespondenten hartnaeckisch ignorierte groesste israelische Tageszeitung Israel HaJom mit mehr als 35% Marktanteil veroeffentlichte in der [...]

  8. [...] Tageszeitung Haaretz, sonst erstaunlich gern von deutschen Journalisten zitiert, ist unter deutschen Staatsfunkern offenbar weniger glaubwürdig als ein “Zentrum [...]

  9. [...] Tageszeitung Haaretz, sonst erstaunlich gern von deutschen Journalisten zitiert, ist unter deutschen Staatsfunkern offenbar weniger glaubwürdig als ein “Zentrum für [...]

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