Ulrich J. Becker, Jerusalem, 21. Adar 5772

 Der ‘Islamische Dschihad’ bei Siegesverkuendungen in Gasa

 

Es ist momentan noch nicht klar, ob die Raketen bald wieder schweigen, ob Terroristen aus Gasa israelische Staedte weiter mit Gradraketen beschiessen oder ob wir gar das Heftigste noch vor uns haben. Wie der erste israelische Kanal heute abend berichtete, hat Israel der Hamas ein 24h Ultimatum gestellt um den Raketenbeschuss vollstaendig einzustellen. Sollte dies nicht der Fall sein, wuerde Israel haerter vorgehen.

Das aber passierte schon alles nachdem der ‘Islamische Dschihad’, der den Grossteil der ueber 170 Raketen dieser Woche auf Israel abschoss und die meisten der ueber 20 getoeteten Terroristen zu verzeichnen hat, eine Siegesparade in Gasa abhielt.

Daher also kurz mal zwischendurch die Frage: Wer hat eigentlich diese Raketenkriegsrunde gewonnen? 

 

 

 Es wurde leider kaum in der deutschen Presse bemerkt, aber in Gasa wurde bereits “der Sieg fuer das Blut der Schahids, das palaestinensische Volk und den Widerstand” vom ‘Islamischen Dschihad’ in Paraden unter freiem Himmel gefeiert.

Der islamische Dschihad, der sich damit bruestet hat – so berichten Experten im israelischern Fernsehen – sein Prestige unter den Palaestinensern allgemein und ins Besondere in Gasa sehr durch die letzte kriegerische Auseinandersetzung mit Israel ausgebaut zu haben, waehrend die Hamas in der Gunst des Volkes sank.

Auf der israelischen Seite klopft man sich aber auch hier und da in den oberen Etagen und in den Medien auf die Schultern und beglueckwuenscht sich zu einem Schlagabtausch, der (dank der ‘Eisenkuppel’) Null israelische Opfer, aber treffgenau ueber 20 arabische Terroristen toetete, ohne dass dabei versehentlich eine groessere, medienwirksame Zahl von arabischen Zivilisten getoetet wurden.

Hat man hier also zwei Gewinner? Wie kann das sein? Sollten beide dann nicht einen Anreiz haben weiter oder wieder so vorzugehen?

 

Was bedeutet ‘Abschreckung’ eigentlich?

Auf der israelischen Seite spricht man unentwegt von ‘Harta’ah’ – Abschreckung. Diese sei in den lezten Jahren und Monaten “verlorengegangen” und muesse “wieder hergestellt” werden. Nicht selten wird so das einzige Ziel einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Gasa definiert: ‘Die Abschreckung wieder herstellen.’

Und wie macht man das? Mit moeglichst harten Treffern gegen die Terrororganisationen, ihre Kaempfer und Waffenlager, und gegen ihre Koepfe.

Und das mitte-linke Israel wundert sich dann alle paar Monate und Jahre wieder, warum denn diese angeblich so hart erkaempfte ‘Abschreckung’ so wahnsinnig schnell und scheinbar leichtsinnig wieder verpufft ist.

Was ist hier los?

Ich denke, es handelt sich hier um zwei grundverschiedene Kulturen, die sich selbst im Krieg grundsaetzlich missverstehen, und die sogenannte ‘Abschreckung’ wurde nie ‘verloren’, denn es gab sie im Grunde nie.

 

Nehmen wir diese Runde:

 

Wir sind froh, dass wir keine Toten hatten. Wir feiern es. Das ist ein Zeichen unseres Erfolgs!

Sie sind froh, dass sie moeglichst viele Toten hatten. Sie feiern es. Das ist ein Zeichen ihres Erfolgs!

 

Und ich sage das nicht nur so plakativ, sondern erklaere:

Der Punkt, der den islamischen Dschihad jetzt gerade so in der Prestige der Araber der Region aufsteigen liess, ist nicht, dass ihre Raketen irgendwas Wichtiges trafen oder moeglichst viele Juden toeteten – nein, ihre Raketen waren dank Kipat Barsel so ineffektiv wie schon lange nicht mehr. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass sie die meisten ‘Schahidim’ in dieser Runde vorzuweisen haben. Das ist ihr Ritterschlag. Das adelt sie. Dass die meisten toten ‘Kaempfer’ von ihnen stammen, ist in ihrer Gesellschaft der Beweis wie energisch sie gegen ‘Al Jahud’ kaempfen. Genau das liess auch damals der Hamas die Show der Fatach stehlen. Nicht nur, dass sie als islamischer, unkorrupter und terroristisch erfolgreicher galten, sondern vor allem hatten sie auch eine fette Schahidim Visitenkarte vorzuweisen. 

Und so praesentiert der ‘Islamische Dschihad’ jetzt stolz seine frischsten Schahidim und wirbt um das Terrorherz der jungen Generation – und die Hamas steht unter Druck, mehr eigene ‘Schahidim’ zu produzieren oder in der Gunst der Terrorpublikums zu sinken.

 

Der ‘Islamische Dschihad’ feiert mit Blutspritzern auf dem Plakat den islamistischen Totenkult seiner ‘Schahidim’. Hier ein Teil der gerade von getoeteten Terroristen aus seinen Reihen.

 

Wir sind froh, dass wir nur sehr wenige ihrer Zivilisten toeteten.

Sie sind froh, wenn sie moeglichst viele unserer Zivilisten toeten. 

 

So verschieden sind unsere Gesellschaften. Und das heisst im Enddeffekt auch, dass die israelische Vorstellung von ‘Abschreckung’ so auf der anderen Seite nicht existiert und irrelevant ist. Paradoxerweise werden islamistische Terrororganisationen durch den Tot von einigen seiner Terroristen nicht wirklich geschwaecht, sondern eher gestaerkt und erlangen so Prestige, neue Rekruten, Gelder etc.. ‘Abgeschreckt’ ist dadurch niemand. Im Gegenteil, fuer Terrororganisationen ist Israels chirurgische Kriegsfuehrung ein Anlass immer wieder in den helfenhaften Kampf gegen ‘Al Jahud’ zu ziehen, ein paar ruhmreiche Schahidim zu kassieren, von den Lorbeeren zu leben, sich ein wenig auszuruhen, neue Waffen zu besorgen, und dann wieder loszuschlagen, wenn man neue Helden braucht. Eine allgemeine ‘Kriegsmuedigkeit’ aber kann man durch solche gezielten Schlaege in Gasa nicht erreichen – eher im Gegenteil.

Und da ist noch ein Paradox der modernen Kriegsfuehrung: Sie bringt die Zielgenauigkeit zur beinahen Perfektion, toetet fast nur noch eindeutig in Kaempfe Verwickelte und immer weniger Zivilisten. Vor 100 oder 50 Jahren war das noch sehr anders, aber es stellt sich die makabere Frage, ob die grausamen hohen Todeszahlen von Zivilisten und die grossen, ungenauen Zerstoerungen in ‘alten Kriegen’ nicht auch schnell eine allgemeine und unheroische Abscheu vor dem Krieg bewirkten, waehrend die neuen Praezisionskriege, wie jetzt gegen Islamisten, wo fast nur noch die Menschen sterben, die es auch selbst wollen, und auf die das gesamte Umfeld stolz ist, eher eine Begeisterung fuer den weiteren Krieg erzeugen?

Zumindest das Letztere passiert gerade in Gasa. Und wie soll ein junger, fanatischer Mann, dessen hoechstes Ziel im Leben es ist, im Kampf gegen ‘Al Jahud’ getoetet zu werden um die materiellen Fuellen des Paradieses zu geniessen, ‘abgeschreckt’ werden? Angst vor dem Tot hat er in vielen Punkten nicht, wie auch allgemein seine Gesellschaft Tot als sehr viel fatalistischer und banaler bertrachtet, als wir. Es mag in westlichen Ohren komisch klingen, aber ich denke, dass z.B. die Hisb’Allah im Libanon in einem Punkt etwas mehr nach dem 2. Libankrieg ‘abgeschreckt’ wurde, und es war nicht Zahl ihrer toten ‘Schahidim’, sondern die vielen in den Kaempfen zerstoerten Haeuser und Doerfer im Suedlibanon, die einigen Volkszorn gegen sie aufbrachte und diese mit vielen iranischen Millionen beschwichtigt werden mussten. Traurig, aber Haeuser scheinen in der Dschihadkultur in gewissen Sinne mehr Wert zu haben, als Menschenleben…

 

Weitere ‘Fehlberechnungen’ der ‘Abschreckung’ sind vorprogrammiert. 



4 Comments to “Und wieder der Aufprall zweier Welten – Sie feiern ihre Toten, wir feiern unsere Lebenden…”

  1. goyamonster says:

    Interessanter Gedankengang, es lohnt sich sehr denke ich, diese Perversität von Hass und Todeskult stärker zu betonen in den Diskussionen….

    Bleibt die Frage, wie man damit umgehen soll. Vielleicht sollte die IDF die Terroristen mit Blumen beschießen, dass schiene dann ja sowas wie die absolute Höchststrafe für die heiligen Krieger zu sein ;-)

  2. juergen says:

    “Klassische” Abschreckung funktioniert nur, wenn die Gegner ähnliche Grundbedürfnisse haben (wovon wir im Westen irgendwie immer ausgehen). Frei nach den Scorpions “I hope the russians love their children too”. Hat ja auch gut funktioniert damals.

    Nur hier findet sich eine exzessiv indoktrinierte Masse, die einem pervertiertem Todeskult anhängt.

    In einer idealen Welt bräuchten die alle eine psychiatrische Notfalleinweisung (was ginge wegen Selbt- und Fremdgefährdung… ;-) )

    Vielleicht könnte man sie mit Teddybären beschießen? ;-) Make love not war (Vergesst es…)

  3. juergen says:

    Was mich besonders an dem Foto ärgert ist das ARD-Mikro in der ersten Reihe. Wie kann man diesen Mördern auch noch eine Öffentlichkeit geben.

  4. [...] Ulrich Becker über einen großen (moralischen) Unterschied zwischen Israel und den Terroristen. [...]

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