Ulrich J. Becker, Kiryat Ono, 17.06.5770 (2. Omer)


Wie schon hier berichtet, wird die juedische Beschneidung von ‘fortschrittlichen’ Menschen vor allem in Europa (und auch hier im Blog) zunehmend versucht zu diskreditieren. Seien es die Gruenen in der Schweiz, oder die Gerichte in Finnland, man setzt sich fuer die heilige Vorhaut ein. Die Beschneidung sei ein Eingriff in das ‘Menschenrecht’ des Kindes auf einen unversehrten Koerper, und vor allem sei es eine unwiederbringliche ‘Verstuemmelung’ der menschlichen Natur.


Und nein, ich werde die Beschneidung NICHT wegen unbestreitbarer gesundheitlicher und angeblicher sexueller Vorteile verteidigen. Die Begruendung des Judentums liegt viel tiefer und fast einen grossen Teil seines Wesens zusammen, beinhaltet seine Kritik an der uebrigen Welt, und fuehrt auch zu den Gruenden der oftmaligen Gegenerschaft zur Beschneidung und zum Judentum.



Koennte man sich eigentlich nicht fragen: Wenn Gott die Menschen geschaffen hat, wie kann er dann verlangen, seine so goettliche Schoepfung zu beschnippeln und somit zu beschaedigen? Oder anders herum: Wenn denn die Beschneidung Gott so furchtbar wichtig waere, haette er die Menschen nicht gleich so schaffen koennen, dass sie ohne Vorhaut geboren werden? Was soll dieser ganze Eiertanz? Lasst doch die Sachen so sein wie sie sind und alle sind gluecklicher?!


 

Mit aehnlichen Gedanken wendete sich einst, so berichtet der Talmud (in Midrash Tanchuma, Parshat Tazria, Kapitel 5), der roemische Procurator in Judea, Turnus Rufus, an den grossen talmudischen Rabbiner Akiwa.


Er fragte ihn gewitzt: “Welche Schoepfung ist besser, die Gottes oder die der Menschen?

Akiwa, der ahnte, worauf Rufus hinaus wollte, fiel nicht auf seine Falle herein und antwortete promt: “Die der Menschen ist besser.


An dieser Stelle wuerden wahrscheinlich die meisten Christen und Moslems aussteigen, und die Juden als atheistische Gotteslaesterer beschmipfen. Das waere zuviel! Blasphemie! Aber hey, das ist das Judentum und nicht alle Religion sind der selbe Brei mit anderer Farbe. ;)

Wie kommt es also, dass einer der groessten talmudischen Rabbiner Gott eine kleinere Schoepfungsleistung als dem Menschen zuschreibt?


Rabbi Akiwa stellt dem hohen Roemer eine Gegenfrage. Er holt Weizenhalme und ein bisschen duftendes Gebaeck und fragt den roemischen Edelmann:

Diese Wiezenhalme sind die Schoepfung Gottes. Dieses Gebaeck ist die Schoepfung der Menschen. Sind die letzteren nicht besser?


Und was ist mit der Nabelschnur? Auch hier macht der Menschen einen aktiven Eingriff und zerschneidet so einfach das von der Natur geschaffene und nicht von selbst sich aufloesende Band zwischen Mutter und Kind? Wuerde Rufus das auch als einen blasphemischen Akt der Menschen gegen die goettliche Schoepfung auffassen?


Mit anderen Worten, das Judentum sagt uns, dass die Schoepfung und die Natur und die existente Welt NICHT perfekt sind. Es bedarf des aktiven Eingriffs des Menschen, die Welt zu verbessern. Im Judentum nennt man dieses Konzept “Tikun Olam” (Das Reparieren der Welt) und das Judentum verpflichtet Juden sich fuer eine andere, bessere Welt einzusetzen, denn die Existente ist NICHT die beste.


Damit setzt sich das Judentum nicht nur ein hohes, ja vielleicht ein immer nur weiter annaehrendes, Ziel, sondern macht sich auch viele Feinde.


Denn das Gegenkozept, dass uebrigens auch Hegel treffend beschreibt, sieht das Richtige und ethische Verhalten des Menschens in seiner groesstmoeglichen Integration in der bestehenden (unperfekten, ungerechten) Welt. Der Mensch muss seinen Platz finden und dort verharren! Er muss seinen Platz in der Natur finden, seinen Platz in der Gesellschaft, seinen Platz in der Hierarchie, seinen Platz im Besitzwesen und dort sitzen bleiben. Es gibt keine wirklichen moralischen hoeheren Massstaebe, sondern die Maxime lautete, moeglichst wenig anzuecken und sich damit zurechtzufinden was gegeben ist, auch wenn es sich um eine gewalttaetige, hierarchische, hohle, von Aeusserlichkeiten gepraegte, unmoralische, etc. Gesellschaft handelt – da muss man sich halt anpassen und seine Nische finden.

Und hier kommt jetzt der Jude, der sagt, genauso wie die Natur nicht perfekt ist, und genauso wie mein Koerper in Befolgung eines goettlichen Gebotes symbolisch ‘perfektioniert’ wurde, so sind auch die Welt und ihre Gesellschaften nicht perfekt und muessen durch Taten, die sich auf moralischen Massstaeben einer hoechsten aussermenschlichen Instanz basieren, verbessert werden.

Um Misverstaednisse vorzubeugen: Ich denke nicht, dass unbeschnittene Menschen nicht moralisch seien koennen oder sowas. Die Beschneidung ist nur ein radikaler Schritt, in der Materie, der ein riesiges moralisch-philosophisches Konzept in sich birgt. Und dieses Konzept sagt eben nicht nur, dass die Welt NICHT GUT ist, so wie sie ist und wir uns nur in ihr gemuetlichen machen brauchen, sondern sie stellt auch moralische Anforderungen zu einer AKTIVEN FORTSCHREITENDEN weltverbessernden Taetigkeit.


Verstaendlicherweise widersprach das allem, was die Griechen und Roemer glaubten. Bei ihnen war die Natur perfekt! Die Aufgabe des Menschen war es, sich in ihr einzurichten und sie zu bewundern. Die Weisen ihrer Kulturen befassten sich damit, die goettlichen Gesetze der Natur zu entraetseln, zu verstehen, gingen aber niemals ueber diese hinaus, und hueteten sich diese mit Ingenieurswissenschaften oder Arbeitsmaximierungsmaschinen etc. zu sehr aus den ‘altbewaehrten’ Angeln zu heben.

Und so auch alle anderen primitiven Kulturen. Indianer, Aborigines oder Knaaniter, sie alle sahen die Welt als perfekt an und das hierarchische, ungerechte, soziale System als gegeben, in das sich jeder einfinden musste, notfalls mit Gewalt. Kein Platz fuer Argumente oder Grundrechte, hier siegt die Hierarchie, die Kaste, die Etikette. Wer also kitschig die indianische Kultur verklaert, der ist nicht nur eher ein fortschrittsfeindlicher Mensch, sondern auch unmoralisch. Daher ist z.B. auch Avatar eine Huldigung der geschlossenen Weltsicht, der Unmoral, des Anhimmelns des ‘Autarken’, desjenigen, was keinen Input und Output hat, sondern von alleine in ewigen Kreisen funktioniert. Autarkismus ist nicht umsonst ein Fetischismus von totalitaeren Regimen wie den Nazis gewesen. Es beinhaltet ein schliessen des Kopfes, ein statisches Verharren, was heute leider auch in der gruenen Bewegung in Ansaetzen zu erkennen ist.

 

Die Christen, die anfangs einfach eine Art Reformjudentum waren, hielten noch eine ganze Weile an die Beschneidung fest, bis auch groessere paganische Eliten in das Christentum eintraten und ihre paganischen Ideen in vielen Teilen durchsetzten. Die Beschneidung wurde daher bald folgerichtig, als Eingriff in die ‘perfekte(!) Schoepfung’, abgeschafft. Von nun an glaubten wieder nur die Juden in eine zu perfektionierende, unperfekte Welt und die Christen waren eher wieder beim Bewundern und vergoettlichen der Natur. Diese unterschiedliche Ansicht reicht bis heute in unsere Kinofilme: Die ‘christliche Story’ wird immer in einem Happy End enden, einem ‘Kreis der sich schliesst’, ein finden des Platzes in der Welt. Die ‘juedische Story’ wird immer in einer Frustration enden, in einer nicht perfekten Welt.


Und was ist mit den Moslems? Sie beschneiden sich doch, und sind also wie Juden gegen eine perfekte Natur? Aber auf der anderen Seite haben sie einen sehr duerftigen Tikun Olam record. Was war da passiert?


Nun, wenn man mal ein bisschen im Koran stoebert, findet man schnell heraus, dass die goettliche Schoepfung im Koran sehr wohl als perfekt angesehen wird (z.B. Koran, 95:1) und ein Rumfuschen in ihr boese Blasphemie und Teufelswerk ist (z.B. Koran, 4:119). Soweit, so gut. So kann man verstehen, warum sich ‘islamische Wissenschaften’ – aehnlich den Griechen – hauptsaechlich mit dem Erkennen und Lobpreisen von Allahs toller, perfekter Welt befassen, anstatt eine Relativitaetstheorie aufzustellen oder in allen wissenschafltichen Bereichen UEBER die Natur herauszuwachsen. So kann man auch verstehen, warum Moslems, auf die Beschneidung angesprochen, einem immer die gesundheitlichen Vorteile und die schrecklichen Folgen einer Nicht-Beschneidungen vortragen werden (genauso uebrigens bei Schweinefleich), aber keine tiefere Begruendung angeben koennen (ja, nichteinmal ein Befehl im Koran) und es ist wirklich lustig, sie zu fragen, ob Allah den Menschen nicht perfekt geschaffen hat und warum man da rumschnippelt…;)


Das Judentum betrachtet die Natur im Gegensatz hat als Trittbrett, nicht als heiliges Gebilde, dass man nur verstehen, nicht aber veraendern kann. Nicht umsonst ist Israel heute Nr. 1 in Stammzellen- und top in allgemeiner genetischer Forschung, waehrend die islamischen Staaten total zurueckgeblieben sind und der Westen sich mit seinem Gewissen ueber einen menschlichen Eingriff in die Schoepfung rumschlaegt.


Theoretisch sollten sich Moslems also gegen die Beschneidung der perfekten Schoepfung einsetzen. Und tatsaechlich, der Koran fordert dies nirgends. Hadithen haben unterschiedliche Meinungen dazu und es hat sich mehr oder weniger als Tradition, ohne festes Knabenalter und ohne feste Riten, eingefuehrt, waehrend in letzter Zeit sich auch mehr und mehr Moslems gegen Beschneidung einsetzen. Sie sind nur konsequent, wenn auch philosophisch nicht im Mittelalter, sondern in der Antike steckengeblieben.


Dazu kommt natuerlich noch ein Motiv der juedischen Beschneidung:


Es ist die wortwoertliche Trennung von der Natur und der ueblichen Welt. Abgrenzung. Oft Anlass fuer Hass auf das sich abgrenzende Judentum, ist dies aber weniger ein asozialer, soziomatischer Akt, als vielmehr eine Trennung von den (fuer das Judentum falschen) Wegen der Welt. Das Judentum ist eben nicht relativistisch. Und auch hier erkennt Hegel richtig, dass Odysseus – das Model des Nichtjudens – auch nach all seinen Reisen und Abenteuern (die uebrigens sehr unmoralisch sind und keinerlei uebergeordneter ethischer Messlatte folgen) wieder NACH HAUSE zurueckkehrt. Der juedische Stammvater Awraham, kehrt nie wieder nach Hause zurueck, da es eben ein unmoralisches ist. Der Jude widersetzt sich dem ‘natuerlichen’ Gang der Welt, die sich nicht perfektionieren will.


Die Oekos, die zu Teilen eine Natur ohne Mensch und ohne menschliche Eingriffe wuenschen und als das bessere erklaeren, die Sozis, die gegen die Verfielfaeltigung, Mehrwert und geldwirtschaftliches Fortschreiten und gegen Wachstum sind, die Trados, die die alten, hierarchischen und unmoralischen Sitten pflegen wollen, die Sozialdarwinisten, die gegen sozialen Fortschritt sind, sie alle sind fuer das Judentum gegen die menschliche, aktive und fortschreitende Verbesserung der Welt, und damti aeusserst unmoralisch, und im Enddefekt sind diese Richtungen – nicht ueberraschend – oft auch gegen Juden oder Israel als juedischen Staat.

Diesen Preis muss man zahlen, wenn man sich den Ideen des Judentums verschrieben hat und z.B. auch der Verteidigung der Beschneidung, als ein grosses Zeichen dieser Ideologie, aber man kann auch versuchen zu ueberzeugen, dass es fuer alle besser waere, an einer ethischen Verbesserung der Welt zu arbeiten und die Beschneidung als mehr-als-ein-Symbol dafuer zu akzeptieren.

Oder vereinfacht: Vorhaut ab, heisst im Judentum Welt verbessern. Natur heilig sprechen, heisst die Ungerechtigkeiten der Welt akzeptieren.



20 Comments to “Philosophie der Brit Mila – Was juedische Beschneidung mit Politik und Weltanschauung zu tun hat und warum Antisemiten dagegen sein muessen…”

  1. Rafael says:

    Brot und Wein sind doch auch ganz gute Symbole für die Perfektionierung der Schöpfung durch den Menschen. Wie wärs, wenn man das so, sagen wir mal, wöchentlich in einem kleinen Ritus feiert. Dann sind auch die Frauen nicht ausgeschlossen…

    Mal im Ernst: Das Problem mit theologischen Begründungen ist, dass es, auch wenn die Begründungen noch so logisch sind, ein paar Menschen gibt, die einfach nicht dran glauben.

  2. Und wo spricht man über die muslimische Beschneidung an Jungen die schon viel älter sind und wobei es weit schmerzhafter verläuft?

    Ach so – traut man sich nicht – man würde ja “Kulturbereicherer” mit der Axt zu sich nach hause einladen…

  3. Ulrich J. Becker says:

    Rafael,

    natuerlich gibt es viele Menschen, die diese Dinge nicht unbedingt immer vor Augen haben, es ist aber Fakt, dass der juedisch orthodoxe Mainstream die Schoepfung, Welt, Natur etc. als unperfekt und verbesserungswuerdig ansieht, waehrend das praktisch alle anderen Religionen anders sehen und als Blasphemie bezeichnen wuerden. Und es setzt sich in facts on ground um, wenn man sich nurmal das genetic Engineering ankuckt…

  4. Tobias says:

    @Ulrich:
    Ganz entgegen deiner Einschätzung finde ich, dass Fortschritt ein, wenn nicht der zentrale Punkt im heutigen Zeitgeist ist. Man will doch immer das neueste Auto, das neuste iPad, eine neue Beziehung, einen neuen Job, einen neuen Wohnort. Ständig wird verzweifelt nach vorne gerannt, auf technischer, geistiger, und sozialer Ebene. Das ist überhaupt nicht spezifisch jüdisch, sondern ganz allgemein westlich,kapitalisitsch, modern.
    Die konservativen Strömungen sind längst Nischen geworden; die katholische Kirche verliert massenhaft Mitglieder und die verbleibenden sind zum Großteil auch keine Traditionalisten mehr. In Deutschland sind die “So war es früher und so muss es bleiben”-Menschen spätestens nach den ’68ern so verpöhnt, das sie sich allenfalls im tiefen Bayern halten können.
    Fortschritt ist generell selbstverständlich gut zu heißen, denn es ist der Motor für die ganze Welt. Auch die Natur entwickelt sich immer nach vorne weiter, etwas das stehen bleibt oder sich gar zurückentwickelt, überlebt nicht lange.
    Die Welt wie sie ist, ist selbstverständlich nicht perfekt. Ich denke, das behauptet so gut wie keiner. Nur müssen Verbesserungen genau geprüft werden und viele, leider viel zu viele der Verbesserungen durch den Menschen sind nur für ihn selbst besser – und auch das nur auf kurze Sicht. So bezweifle ich, dass die Entdeckung der Radioaktivität, und mit ihr ihre militärische und zivile Nutzung, der Natur genutzt hat, oder den Menschen in Hiroschima und Tschernobyl. Und die Menschen nach uns werden uns für den Müll auch nicht dankbar sein.
    Fortschritt will also wohl temper- und temporiert sein und genau da setzen die “Ökos” und “Sozis” an. Industrialisierung – ja natürlich, aber unter Wahrung der sozialen und ökologischen Werte. Sozial führt sie zu unglaublichen Leid, zu Revolten und Krieg. Ebenso im global-öklogischen System: Die Erde ist ein ganzes und Vorteile (im Deckmantel des Fortschritts) für den Menschen zu Lasten der Natur herraus zu holen, rächt sich auf Dauer.

    Der Glaube, der Mensch könne mal eben Gott spielen und in Dingen herumpfuschen, wo er noch garnichts versteht, ist beim heutigen Stand der Technik sehr gefährlich geworden. Die Römer holzten für ihre Flotten ihren Wald ab und zerstörten die Fruchbarkeit in Italien. Heute wird die grüne Gentechnik sorgenlos in die ganze Welt getragen – und sollte ein Fehler geschehen, zahlt die ganze Welt den Preis für einen profitsüchtigen Konzern (Monsanto).
    Der Glaube, der Mensch könne alles besser als Gott, halte ich für verabscheungswürdig selbstverliebt. Wer sich selbst auf den Thron setzt, hat dort im Allgemeinen nichts zu suchen.

    Daneben ist die Entscheidung ob “Vorhaut ab” oder nicht die ganz persöhnliche jedes Menschen. Ich halte es für falsch, diese von den Eltern vornehmen zu lassen, genauso wie ich es für falsch halte, ein Kind im Kindesalter zu taufen. Die entsprechenden Symbole für seine Weltanschaung, wie die Beschneidung hier beschrieben wurde, kann der Mensch doch erst NACH der Bildung seiner Weltanschaung anehmen, oder möchte hier jemand seinen Kindern einen vorgefertigten Lebensweg unf eine vorbetonierte Weltanschaung in die Wiege legen?

    @Joschua Cohen:
    Über die Beschneidung an muslimischen Jungen habe ich zwar noch nie diskutiert, dafür aber über vieles anderes den Islam betreffend. Eine Angst über dieses zentrale weltpolitische Thema zu reden, kann ich überhaupt nicht feststellen. Ganz im Gegenteil, die Debatte ist ähnlich aufgeladen wie die über Israel.

  5. Ulrich J. Becker says:

    Tobias:

    erstmal hoffe ich, dass du mitbekommen hast, das der artikel hauptsaechlich fuer dich geschrieben war ;) nein, im ernst, hattest du einige frage zu dem thema aufgeworfen, die ich einmal angehen wollte. du hattest noch andere dinge gefragt, die nicht in den artikel passten, u.a. warum ich dann gegen den islamischen schleier bin etc. (kannst gerne nochmal fragen, falls ich was vergessen hab). also dazu ganz klar: ich bin gegen kopftuchverbot. jeder mensch sollte das recht haben sich zu kleiden, wie er will, wenn er nicht gegen Sicherheitsfragen (Vermummung) oder Anstand (zu ‘nackt’) verstoesst. Das Problem mit dem Islam ist nicht das Kopftuch, sondern mit dem was dahinter steckt. Vielleicht ein andermal mehr dazu.

    “Ständig wird verzweifelt nach vorne gerannt, auf technischer, geistiger, und sozialer Ebene. Das ist überhaupt nicht spezifisch jüdisch, sondern ganz allgemein westlich,kapitalisitsch, modern.”

    Es ist sehr juedisch, ausser das das judentum dem ein gegengewicht gegenueber stellt, wie den schabbat, das beziehen auf ewig unverrueckbares in der torah, die spenden an arme etc.
    Und deine Haltung zeigt u.a., dass viele Westler sich von dem Progressivismus ueberfordert, ausgeheolt oder unterdrueckt fuehlen (ohne Gegengewicht verstaendlich).
    Und ja, Christentum und traditioneller Konservativismus sind vor allem in Europa out, aber Gruenentum oder Avatar und Aehnliches doch voll im Trend, oder nicht?

    “Der Glaube, der Mensch könne alles besser als Gott, halte ich für verabscheungswürdig selbstverliebt. Wer sich selbst auf den Thron setzt, hat dort im Allgemeinen nichts zu suchen.”

    Das ist dein christliches Erbe. Der Mensch soll natuerlich nicht arrogant sein, aber er soll sich nicht scheuen das Existente zu kritisieren und zu veraendern. Deutschland hat da z.B. in Sachen Genforschung komplette Scheuklappen um sich rum. Israel im Gegenteil…

    “Die entsprechenden Symbole für seine Weltanschaung, wie die Beschneidung hier beschrieben wurde, kann der Mensch doch erst NACH der Bildung seiner Weltanschaung anehmen, oder möchte hier jemand seinen Kindern einen vorgefertigten Lebensweg unf eine vorbetonierte Weltanschaung in die Wiege legen?”

    Christentum ist eine Religion. Judentum nicht (nur). Und daher will ich sehr wohl meinem Kind den Bundes des Volkes mit auf den Weg geben und werde auch in meiner Erziehung mich immer darum besorgt sein, dass es das Judentum mit stolz annimmt und weiterbringt.

  6. willow says:

    @Tobias

    Vielleicht solltest du dir einfach auch mal Gedanken darüber machen, warum ausgerechnet D. derart technologiefeindlich ist … fast alles wirklich Neue wird ersteinmal verteufelt – vom Computer bis zur Gentechnik wurde so ziemlich jede Entwicklung bekämpft. In dieser Hinsicht zeichnen sich gerade Leute in der 68er-Tradition durch verstocktes Beharren am Gewohnten aus… nicht umsonst ist dieses “Zurück zur Natur” so typisch – ich kann mich an eine Studie erinnern, nach der eine große Mehrheit der Bevölkerung von allen Modellen die Variante “Leben wie die Hobbits” favorisieren. Dies deckt sich auch mit dieser aktuellen Studie, nach der “Sicherheit” für extrem viele Deutsche das Wichtigste überhaupt darstellt. Extrem Viele würden gern “Unfreiheit” in Kauf nehmen, zugunsten von “Stabilität”.

    Gerade die “grüne Gentechnik” ist dafür ein schönes Beispiel – in dem ganzen Themenfeld “Züchtung” waren deutsche Firmen, deutsche Unternehmen bis in die 80er hinein weltweit absolut führend… inzwischen sind so ziemlich alle Wissenschaftler vertrieben, und Deutschland, Weltmeister im Jammern, klagt darüber, daß böse US-Imperialisten den Weltmarkt beherrschen.

  7. Tobias says:

    :) Jep, Ulrich, natürlich ist mir das aufgefallen. Finde ich sehr gut von dir, das du mit deinen Artikeln vergange Diskussionen bereicherst.
    Beim Thema Kopftuch scheinen wir uns sogar einig zu sein. Aber vllt sind wir ja da in Detailfragen andere Meinung. Z.B. ab wann etwas gegen Anstand verstößt oder ab wann die Vermummung ein Sicherheitsproblem darstellt.

    “Es ist sehr juedisch,(…)”
    Gut, wenn man das so sieht, dann sind wir vielleicht alle eine bischen jüdisch? Das meine ich neulich im ZeitMagazin “Typisch Jüdisch” gelesen zu haben…
    Und ja, so halb kann man sagen, dass der Fortschritt den Menschen auslaugt, so ganz ohne Gegengewicht. Aber darum geht es mir nicht, sondern darum, das er unsere Umwelt, ob Mensch oder Natur, auslaugt, zerstört. Sei doch mal ehrlich, dein “Progressivismus” bringt nur den Mensch nach vorne, und auch da nur bestimmte Klassen, oder?
    Darum gehts nämlcih beim “Grünentum”. Grüne als konservativ zu bezeichenen, ist ein wenig lächerlich… Und auch der Protagonist bei Avatar bricht aus seiner alten Welt aus und geht neue Wege, ist das nicht progressiv?

    “Das ist dein christliches Erbe.”
    Ja, aber ich glaube ich verwende es nicht dogmatisch. Ich kritisiere an allem die ganze Zeit rum, aber andereseits bin ich dafür, das auch mal das Gute gesehen wird. Und ich glaube, dass der Mensch, von Profitgier getrieben, sehr oft etwas Schlechtes für die Gesammtheit produziert. Jede Neuerung muss kritisch betrachtet werden und nicht als Neuerung gleich vergöttert werden.

    “will ich sehr wohl meinem Kind den Bundes des Volkes mit auf den Weg geben und werde auch in meiner Erziehung mich immer darum besorgt sein, dass es das Judentum mit stolz annimmt und weiterbringt.”

    …und lässt ihm nicht die Freiehit auszusteigen? Die Freiheit selbst zu entscheiden? Das sind die Kennzeichen einer Sekte, sorry.

    @willow:
    Deine Studien überrraschen mich und ich finde die Ergebnisse nicht gut. Technologiefeindlich würde ich Deutschland ebenfalls nicht wirklich nennen, aber sicher bin ich mir da nicht.
    Über die grüne Gentechnik diskutieren wir lieber nicht, jedenfalls hier nicht. Das schweift doch zu sehr vom Thema ab. Ob die bösen Imperialisten aus Deutschland oder den USA kommen, ist mir übrigens egal.

  8. Schula says:

    “und lässt ihm nicht die Freiehit auszusteigen? Die Freiheit selbst zu entscheiden? Das sind die Kennzeichen einer Sekte, sorry.”

    Was heißt hier aussteigen? Noch einmal: Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern eine Volkszugehörigkeit aus der man nicht aussteigen kann. Du kannst auch nicht aus deinem deutschsein aussteigen. Begreife doch nun endlich zunächst, dass Juden primär ein Volk sind.

  9. Tobias says:

    Ach so, aus dem Judentum kann man garnicht austeigen? Einmal Jude immer Jude, oder wie?
    Ich dachte immer, das Judentum wäre mehr als eine Religion und aber auch mehr als ein Volk wie z.B. das sogenannte “deutsche Volk” was ja auch kaum zu definieren ist. Aus dem deutschen Volk kann ich übrigens sehr leicht aussteigen – jedenfalls formal. Und darum geht es doch, dass das Kind ganz formal entscheiden kann, ob es Jude ist oder nicht. Mit einem bleibenden Mal wie der Beschneidung hat das Kind schon mal, ganz formal, einene Stempel des Judentums aufgedrückt bekommen. Und der ist nicht mehr, nicht mal formal, rückgägnig zu machen.

  10. Ulrich J. Becker says:

    Tobias,
    aus dem Judentum kann man nicht aussteigen. Jeder Jude definiert fuer sich, was sein Judentum bedeutet, inwiefern er die Gebote befolgt oder ob er sein Judentum komplett negiert oder bekaempft. Das aendert aber fuer das Judentum gegenueber ihm nicht viel. Er wird trotzdem als Jude angesehen mit allen halachischen Folgen, die das hat. Wenn er stirbt und bekannt ist, dass er Jude war, wird z.B. eine Chevre Kadischa kommen um ihn juedisch zu bestatten, auch wenn er sich als Buddhist fuehlt, sich volltaetowiert hat etc.

  11. Schula says:

    Man bleibt immer Jude, wie Ulrich schrieb. Aus dem Judentum kann man nicht aussteigen. Deswegen ist jeder, ob religiös, buddist, sekulär, immer ein Jude. Das ist Halacha. “Jisrael af al pi schechata, Jisrael hu.” Ein Jude bleibt ein Jude, auch wenn er sündigt.

  12. Morten says:

    Na ja, dass man aus dem Judentum nicht aussteigen kann…

    Warum ist es dann so, dass das “Recht auf Rückkehr” z.B. für überzeugte Katholiken wie Kardinal Lustiger nicht gilt?

  13. Aristobulus says:

    Hi. Ihr schriebt vor Langem – ist noch einer hier?

    Tobias, “dass Fortschritt ein, wenn nicht der zentrale Punkt im heutigen Zeitgeist ist”.
    Ein wohl ebenso großer zentraler Punkt ist jedoch das herrschende, ewig schlechte Gewissen _wegen_ des Fortschritts. In Umfragen kommt immer wieder heraus, dass die Dinge doch immer schlechter, korrupter, unsicherer, giftiger, todbringender werden: Alle werden oder sind irgendwie krank, man geht zu Therapeuten, zu Familienaufstellungen, oder man kauft Heilsteine, macht Aromatherapien, denn das Luft, Wasser & Essen sind vergiftet und also muss man in den Bioladen gehen, denn da gibt’s das Gleiche zum doppelten Preis (schmeckt dann nur p-korrekt), usf. Tatsächlich werden die Menschen in westlichen Ländern älter als je – und sind länger gesünder denn je!, aber frag die Leute, die sehen es anders, denn bekanntlich lauert der Weltuntergang und die Nemesis als Strafe für die menschliche Hybris (das Millennium!!, so hieß ‘es’ mal) beständig hinter dem Horizont. Freud nannte es ‘das Unbehagen in der Kultur’., Es kommt aus dem antiken und christlichen Erbe.

    “so halb kann man sagen, dass der Fortschritt den Menschen auslaugt”
    Erstaunlich, dass Du es von der Position aus siehst. Du hast auch in schlechtes Gewissen wegen des Fortschritts, nicht? edoch: Hetze laugt einen aus, oder Einsamkeit, oder Eingesperrtsein. Wieso aber soll der Fortschritt einen auslaugen? Ist Freiheit gefährlich?

  14. Uri says:

    Die Beschneidung ist nur ein radikaler Schritt, in der Materie, der ein riesiges moralisch-philosophisches Konzept in sich birgt.

    Und da wundern sich tatsächlich einige Leute, dass die drolligen Regeln des Judentums (wie auch des Islam) bei aufgeklärten und gebildeten Menschen zu Heiterkeitsausbrüchen führen? Komm mal wieder runter.

    Die Beschneidung eines Säuglings, seine Verstümmelung, ohne seine willentliche Zustimmung (die aufgrund des Alters eben unmöglich ist), ist Kinderschändung und gehört unter Strafe gestellt.

    Genau so wie die nicht minder brutale Verstümmelung der Mädchen in manchen islamischen Ländern. Die Begründung, die der Islam dafür anführt ist qualitativ auf dem selben Niveau wie die der Juden.

    Das ist ja das Tolle an irrationalen Systemen wie dem Islam, dem jüdischen Glauben und anderen Religionen. Wenn man nichts beweisen muss kann man alles behaupten. Irgendein angeblich göttlicher Text wird sich schon entsprechend interpretieren lassen. Und wer das nicht glaubt, der ist eben ein Sünder und landet in der Hölle.

    P.S. Der Vergleich mit dem Durchtrennen der Nabelschnur ist übrigens an Schlichtheit kaum zu übertreffen.

    Das Durchtrennen der Nabelschnur ist biologisch notwendig. Selbst Tiere durchbeißen die Nabelschnur, damit der Nachwuchs leben kann. Die Verstümmelung von Knaben durch Beschneidung hingegen ist biologisch nicht notwendig.

  15. Jochanan says:

    Uri,

    ist dir mal aufgefallen, dass besonders viele am 8. Tag beschnittene zu den aufgeklärten und hochgebildeten Menschen gehören? Dass unzählige Spitzenärzte, Wissenschaftler, Staatsmänner, Banker, Nobelpreisträger etc pp am 8. Tag ihres Lebens beschnitten wurden, und ihre Söhne ebenfalls in den Bund Abrahams bringen/brachten?
    Na, da ist es wohl bei dir mit der Bildung und Aufklärung nicht so weit her….

  16. Uri,

    “Genau so wie die nicht minder brutale Verstümmelung der Mädchen in manchen islamischen Ländern. Die Begründung, die der Islam dafür anführt ist qualitativ auf dem selben Niveau wie die der Juden.”

    Nein, sie haben keine Begruendung dafuer und tatsaechlich widerspricht es dem Menschenbild des Islams (der deinem genau gleicht), wonach die goettliche Schoepfung perfekt ist und der Mensch damit nicht ‘rumfuschen’ sollte.

    Bei einem Judentumhasser wie dir, ist es nur korrekt, zwingend und auch zu begruessen, dass du gegen die Beschneidung bist. Es wuerde deinem romantischen Weltbild widersprechen.

  17. GerdEric says:

    Ob ein Mensch nun Spitzenarzt wird, nur weil er am 8. Tag beschnitten wurde? Auch wenn er nur Strassenfeger ist, ist er ein Jude.
    Beschneidung von Mann und Frau ist absolut nicht zu vergleichen. Symbolisch würd ich sagen, Beschneidung des Mannes ist Befreiung, Beschneidung der Frau ist Beschneidung der Selbstbestimmung, der Eigenverantwortlichkeit(hat auch nichts mit Islam zu tun).
    Vor dem Hintergrund müssen sich Lultras überlegen, dass ihre Frauen selbst wissen was richtig ist.

  18. Jochanan says:

    GerdEric, das steht ja ausser Frage:
    “Ob ein Mensch nun Spitzenarzt wird, nur weil er am 8. Tag beschnitten wurde? Auch wenn er nur Strassenfeger ist, ist er ein Jude.”

    Mein Kommentar zielte viel mehr darauf ab, dies hier zu widerlegen:
    “Und da wundern sich tatsächlich einige Leute, dass die drolligen Regeln des Judentums (wie auch des Islam) bei aufgeklärten und gebildeten Menschen zu Heiterkeitsausbrüchen führen?”

  19. velvl says:

    …beschneidung

    die ganzen diskussionen ueber die “zwangsbeschneidung”/”verstuemmelung” sind einfach nur bloesin.

    die eltern entscheiden und bevormunden kinder in allen sachen, ohne das sich einer aufregt. sie werden zwangsweise in die schule geschickt und mit sachen ernaehrt, die sie nie freiwillig essen wuerden. sie werden gezwungen zu schlafen, wenn sie es nicht wollen. die liste ist unendlich lang.

    ich kenne jugendliche, die bereit waeren, sich finger und haende abzuschneiden um nicht die schule besuchen zu muessen, wenn sie diese wahl haetten.

    wenn wir schon den eltern erlauben bis zu 18 lebensjahr des kindes fuer ihn alles zu entscheiden, so koennen wir ihnen auch erlauben das kind zu beschneiden.

    dass die beschneidung im gegensatz zu weiblichen verstuemmelung kein “verbrechen” ist, kann man an den hundert tausenden einwanderer aus russland in israel sehen. die meisten von ihnen haben sich in einem erwachsenen alter fuer eine beschneidung entschieden, obwohl es keinen gesellschaftlichen zwang dazu gibt (wer sieht es schon?).

    alle gespraeche ueber das thema zeugen entweder von unwissen oder antisemitismus – in beiden faellen sollte man sich behandeln lassen, obwohl meistens beiden unheilbar ist.

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