Renate, 08.11.2011, Israel (Renate bereist gerade Israel und hat diesen vielteiligen Gastartikel verfasst)
Juedischer Feldgottesdienst in der deutschen Armee, 1914
Im Oktober 1916 war die Judenzählung im Kriegsministerium eine fest beschlossene Sache. Aber man wollte das Vorhaben beschönigen. Daher versicherte man sich der parlamentarischen Unterstützung, bevor die Öffentlichkeit über die geplante Zählung informiert wurde. Und so forderten zwei Reichstagsabgeordnete, einer vom Zentrum, der andere von den Nationalliberalen – beide wussten vorgeblich nichts vom Plan des Kriegsministeriums – im Oktober 1916 eine Untersuchung hinsichtlich der Religionszugehörigkeit der in Kriegsgesellschaften und Streitkräften tätigen Personen.
Bald darauf, am ersten November 1916, wurde die offizielle Judenzählung durchgeführt. Da sich die Zählung auf einen einzigen Tag beschränkte, auf den ersten November 1916, konnte es sich nur um eine Momentaufnahme handeln. In der Schrift Die Juden im Heer – Eine Kriegsstatistik schrieb 1919 der zeitgenössische Beobachter Walter Leiser zur Methode der Zählung: “Wer selbst Kriegsteilnehmer gewesen ist, weiß, wie die Zugehörigkeit zum Feldheer, zur Etappe usw. gewechselt hat ..… Eine derartige, nach mehr als laienhaften Gesichtspunkten angeordnete Zählung kann nie und nimmer für statistische Zwecke verwendet werden.” Berichten zufolge gab es für den ersten November gezielte Abkommandierungen jüdischer Soldaten zur Etappe. Und wer gerade zum Zeitpunkt der Zählung zur Etappe abkommandiert worden war, mochte er vorher sogar mehrmals an der Front gewesen sein, wurde als zur Etappe gehörig gezählt. Der amtliche Fragebogen ging ausschließlich von dem Gesichtspunkt aus, wie hoch der Bestand der Juden am ersten November 1916 beim Feldheer, bei der Etappe, beim Besatzungsheer war. Außerdem galten Juden, die zum Christentum übergetreten waren, bei dieser Zählung nicht als Juden.
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Der Rabbiner B. Jacob berichtete in einer Rede am 14. Dezember 1918: “Nichts hat die Juden seinerzeit mehr empört als die “Judenzählung”… nicht etwa wegen eines zu befürchtenden Ergebnisses, sondern wegen der Nachgiebigkeit gegen antisemitische Verdächtigungen. Gerade in jenen Tagen hatte ich wieder einmal mehrere Trostbesuche in meiner Gemeinde zu machen, darunter bei Witwen, denen der einzige Sohn gefallen war. “Also das – so sagten sie – ist der Dank des Vaterlandes!” -
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Im Anschluss an die Zählung weigerte sich das Kriegsministerium, trotz wiederholter jüdischer Forderungen, die auf eine Veröffentlichung drängten, die Ergebnisse der Statistik zu veröffentlichen. Zwar teilte der Kriegsminister von Stein, der Nachfolger des für die Judenzählung verantwortlichen von Hohenborn, dem Verband der deutschen Judenin einem Schreiben mit: “Jedenfalls habe ich festgestellt, dass das Verhalten der jüdischen Soldaten und Mitbürger während des Krieges keine Veranlassung zu der Anordnung meiner Herren Vorgänger gegeben hat und damit nicht in Beziehung gebracht werden kann.” Zwar bestätigten weitere Angehörige des Heeres diese Aussage, so sprach General Deimling von dem Ergebnis sorgfältiger Erhebungen, nach welchen die jüdische Bevölkerung in Deutschland restlos den auf sie entfallenden Anteil an Kriegsteilnehmern gestellt hat und schrieb: “Die jüdischen Soldaten und Offiziere haben ihre Pflicht und Schuldigkeit gerade so getan wie ihre christlichen Kameraden.”
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Aber das Kriegsministerium unterließ die Veröffentlichung der Erhebung, was sich als Vorteil für die antisemitische Agitation erwies. Die Nichtveröffentlichung war der antisemitischen Seite überaus nützlich. Denn so konnten, erstens, die Irrtümer und Fehler der offiziellen Zählung nicht überprüft und korrigiert werden. Zweitens konnten nachteilige Gerüchte in Umlauf gebracht werden. In der Presse, der antisemitischen wie auch der allgemeinen, wurde nun beständig behauptet, die Statistik werde aus Rücksichtnahme auf die Juden nicht veröffentlicht, da sie vernichtende Ergebnisse gezeitigt hätte. Außerdem hieß es, die Weigerung des Kriegsministeriums, die Ergebnisse der Statistik zu veröffentlichen, sei auf die Einflussnahme “der Juden“ zurückzuführen. Zum Beispiel schrieb die konservativeKreuzzeitung in ihrer Abendausgabe vom 8. Dezember 1919: “Obgleich jene Statistik (von 1916) durchgeführt worden ist, sind ihre Ergebnisse bis heute nirgendwo auch nur andeutungsweise bekannt gegeben worden. Im Gegenteil! Jedem Versuch, darüber Aufklärung zu erhalten, widersprach die gesamte Judenschaft heftig und wußte es immer wieder durchzusetzen, daß die Veröffentlichung der Judenstatistik im Heere unterblieb.”
Drittens führte die Nichtveröffentlichung dazu, dass die Ergebnisse der Zählung willkürlich verwertet werden konnten. Dies geschah, indem bald nach Kriegsende mehrere Schriften von antisemitischer Seite herausgegeben wurden, die angaben, die Quellen des Kriegsministeriums zu verwerten.
Eine der Schriften Die Juden im Heere, eine statistische Untersuchung nach amtlichen Quellen wurde 1919 unter dem Pseudonym „Otto Armin“ herausgegeben.
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Mit dieser und weiteren Schriften befasste sich
Professor Franz Oppenheimer, ein international anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Statistik. Er schrieb 1922: „Jetzt stellt sich heraus, daß dieser Mann mit dem Namen Bismarcks und des Cheruskerfürsten in der Tat das amtliche Material des Kriegsministeriums gehabt haben muß. Wie und durch wen er dieses geheim gehaltene Material erlangt hat, sagt er nicht ….. Generalmajor a. D. Ernst von Wrisberg (bringt) ….. unter dem Titel „Heer und Heimat“ als zweiten Band seiner Kriegserinnerungen ….. die gleichen Ziffern, wenn auch in geringerer Ausführlichkeit als Herr Armin und so wird man annehmen dürfen, daß dessen sämtliche Zahlenangaben mit den Erhebungen des K.M übereinstimmen, wobei freilich noch nichts darüber ausgemacht ist, ob diese Zahlen überhaupt irgendeinen Wert haben, und ob ihre Behandlung vor der fachmännischen Kritik bestehen kann. Wir möchten hier an das bekannte englische Weiswort erinnern: „Es gibt dreierlei Arten Lügen: Notlügen, gemeine Lügen und Statistik.“ “
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Jedenfalls wurden in beiden Schriften nicht einmal die elementaren Grundlagen jeder statistischen Untersuchung beachtet. Die Schriften Armins und von Wrisbergs waren weder in der Methode der Zählung korrekt, noch in ihren Schlussfolgerungen zutreffend.
Oppenheimer erinnerte an die Grundlagen: “Um festzustellen, ob sich eine beträchtliche Anzahl von Juden vor dem Kriegsdienst entzogen haben, muß die Statistik vor allem feststellen, wie viele Männer zwischen 19 und 47 Jahren sich unter der jüdischen Gesamtbevölkerung befanden. Diese Zahl mußte man als Prozentzahl der Gesamtjudenschaft berechnen und dann vergleichen, ob die Zahl der von dieser Gruppe gestellten Feldsoldaten verhältnismäßig kleiner oder größer war als die der von der übrigen Bevölkerung gestellten Feldsoldaten.” Tatsächlich aber war in der als amtlich angegebenen Statistik bei der jüdischen Gesamtbevölkerung die Kleinigkeit von 70 000 ausländischen Juden übersehen worden, das heißt, diese waren zur Gesamtzahl hinzugerechnet worden. Aber die Zahl der jüdischen Soldaten durfte natürlich nicht auf jene Juden mit einer anderen Staatsangehörigkeit bezogen werden.
Ein weiterer Fehler war, dass die geringere Zahl der Männer im heerespflichtigen Alter unter der jüdischen Gesamtbevölkerung im Vergleich zur Zahl der Männer im heerespflichtigen Alter unter der deutschen Gesamtbevölkerung ignoriert worden war. Denn die Geburtenzahl der Juden war während der Jahrzehnte, in denen die Wehrpflichtigen zur Welt kamen, stark eingeschrumpft. Im Gegensatz dazu hatte bei den Christen in den Jahren, die für die Einstellung zum Kriegsdienst in Frage kamen, eine Geburtenzunahme stattgefunden. Selbst bei einem Außerachtlassen dieses Faktors musste jedenfalls der Faktor der Auswanderung aus dem Judentum miteinbezogen werden. Denn neben der tatsächlichen Auswanderung aus Deutschland gab es die Auswanderung aus dem Judentum. Tatsächlich waren die deutschen Juden seinerzeit eine Gruppe, die durch freiwilligen Austritt regelmäßig eine bedeutende Zahl gerade ihrer wehrfähigen Glieder verlor. Insbesondere die männlichen Mitglieder einer jüdische Familie traten zu einer der christlichen Religionen über, da ansonsten oft die Karriere nicht möglich war.
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Professor Oppenheimer äußerte sich erstaunt darüber, dass das Preußische Kriegsministerium, dem die ganze Wissenschaft der deutschen Universitäten und alle Statistiker Deutschlands zur Verfügung standen, diese Statistik nicht in fachmännisch einwandfreier Weise durchführen hatte lassen – wenn es sie denn schon durchführen wollte.
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Und wie viele andere forderte auch Professor Oppenheimer nachdrücklich eine offizielle Prüfung und Veröffentlichung des gesamten Materials des Kriegsministeriums zur Judenzählung: “Wir sehen dieser Nachprüfung, die das Reich selbst vornehmen sollte, um einer immer gefährlicher werdenden Hetze ein Ende zu machen, mit großer Seelenruhe entgegen.” – Oppenheimer fügte an: “Wenn die Herren, die für die Judenstatistik des K. M. verantwortlich sind, diesen Weg zu gehen sich weigern sollten, so wird damit der Beweis erbracht sein, daß ihnen nicht an der Aufdeckung der Wahrheit, sondern lediglich an der Verhetzung gelegen ist.”
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Die Befürchtung Oppenheimers bestätigte sich. Offenbar war den Regierenden an einer Aufdeckung der Wahrheit nicht gelegen, denn das Kriegsministerium weigerte sich konsequent, den wiederholten Forderungen von jüdischer Seite nachzukommen und die Ergebnisse offiziell zu veröffentlichen.
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Der bei Kriegsausbruch so begeisterte, an die geistige Verwandtschaft von Deutschen und Juden glaubende Philosoph Hermann Cohen äußerte schließlich: “So daß man zu dem teuflischen Verdacht gebracht wurde, als ob man den Patriotismus der Juden vereiteln wolle, weil er den Deutschen das Konzept für ihren Haß verdirbt”.
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Die Judenzählung des Kriegsministeriums im Jahr 1916 fand zu einer Zeit statt, als noch alles auf einen siegreichen Kriegsausgang gehofft hatte. Was würde folgen, wenn diese Hoffnung nicht erfüllt wurde? Die politischen Erschütterungen und revolutionären Umwälzungen nach dem verlorenen Krieg führten in Deutschland alsbald zu neuen judenfeindlichen Beschuldigungen.
Eine der zentralen Anschuldigungen nach dem Krieg war der
so genannte Bolschewismusvorwurf. Dieser lautete: Judentum und Bolschewismus seien identisch. Entsprechend wurden die von den Bolschewiki während der Revolutionswirren in Russland verantworteten millionenfachen Morde “den Juden” zugeschoben. Im Zusammenhang mit dem Bolschewismusvorwurf tauchte des weiteren die Anschuldigung auf, dass es eine jüdischen Weltverschwörung gebe, die nach Weltherrschaft strebe.
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Wie aber der Vorwurf der jüdischen Weltrevolution und Weltherrschaft damit in Übereinstimmung zu bringen war,
dass die jüdische Bevölkerung unter den revolutionären Ereignissen an herausragender Stelle zu leiden hatte,konnten die Judenfeinde nicht beantworten.
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Denn, was hatte der Bolschewismus dem Judentum überhaupt gebracht? Hans Goslar stellte 1919 in Jüdische Weltherrschaft! Phantasiegebilde oder Wirklichkeit? fest: “Auch den verbissensten Antisemiten wird es unmöglich sein, zu sagen, was denn diese revolutionären Führer Trotzki und Eisner dem Judentum genutzt haben, was sie ihm anderes eingebracht haben, als ein gewaltiges Auflodern der zur hellen Flamme angefachten Funken des Judenhasses und grauenhafte Pogrome, denen in der Ukraine, in Sowjet-Rußland, in Lettland und in Polen viele Zehntausende von Juden – in bestialischer Weise hingemordet – zum Opfer gefallen sind!”
Goslars Darstellung war keine Übertreibung. Denn die polnische Unabhängigkeit nach dem ersten Weltkrieg war von antijüdischen Massakern begleitet, bei denen mehrere tausend Menschen getötet wurden. Die der zionistischen Bewegung nahe stehende Jüdische Rundschau meldete am 3. Dezember 1918 in ihrem Leitartikel Lemberg: “Tausende von Juden erschossen, erstochen, erschlagen, erstickt und verbrannt! … Das sind die Angaben von Zeugen, die das Lemberger Blutbad mit eigenen Augen gesehen haben. Polnische Offiziere, polnische Legionäre, polnische Studenten haben in Lemberg in zwei Tagen Tausende von Juden abgeschlachtet, die Existenz von Zehntausenden vollkommen vernichtet.”
Auch in der Ukraine wurden während und nach dem Ersten Weltkrieg Juden ermordet. Von 1917 bis 1920 wurden in den ukrainischen Pogromen schätzungsweise 75 000 Juden ermordet. In Ungarn fanden bis 1923 Pogrome statt, und in Rumänien zogen sich die Pogrome bis weit in die zwanziger Jahre hin.
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Doch die antisemitisch eingeschworene Presse in Deutschland fand die Verfolgung der jüdischen Gemeinschaft nicht so erwähnenswert, wie das Auftreten jüdischer Politiker bei den radikalen Linken. So wenig erwähnenswert wie die Feindschaft der bolschewistischen Sowjetregierung gegen das Judentum, die sich unter anderem daran zeigte, dass im Frühjahr 1920 eine Proklamation erlassen wurde, die die Schließung aller jüdischen Lehranstalten und Schulen im gesamten Sowjetrußland befahl. In dem Buch Rußland nach vier Jahren Revolution schrieb S.S. Maslow um 1923: “Man erschlug ja Juden bei Pogromen in der zaristischen Zeit in reichem Maße, aber niemals erschlug man ihrer so viele und nie mit solcher Kaltblütigkeit und Seelenruhe wie jetzt.“
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Maxim Gorki schrieb in seiner Zeitung “Nowaja Schisn”, vom 18. Juni 1917: “… Unter den Menschewiki gibt es viel mehr Juden als unter den Bolschewiki; aber meine Briefschreiber stellen sich unwissend und sind überzeugt, daß alle Juden Anarchisten seien. Das ist eine sehr üble Verallgemeinerung.”
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Die Beobachtung Maxim Gorkis traf auch auf Deutschland zu. Während die antisemitische wie die allgemeine Presse auf die Bolschewistenführer jüdischer Herkunft ausführlich hinwies, wurde der Kampf der viel zahlreicheren jüdischen Führer der sozialrevolutionären und sozialdemokratischen Partei der Menschewiki gegen den Bolschewismus kaum beachtet. Denn die Menschewiki, Anhänger einer stufenweisen Sozialisierung, waren die ersten, die den Kampf gegen den Bolschewismus entschlossen aufgenommen haben und daraufhin verfolgt wurden. Ebenso wenig Erwähnung fand der unbeirrte Kampf des “Bundes”, der jüdischen Arbeiterpartei Rußlands, gegen den Bolschewismus. Die Mitglieder des “Bundes” wurden von den Bolschewisten unbarmherzig verfolgt und ins Gefängnis geworfen. Die Partei, die die Interessen der jüdischen Arbeiterschaft vertrat, stand also von Anfang an in Kampfstellung gegen den Bolschewismus.
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Eine Deputation großer jüdischer Gemeinden begab sich zu Trotzki, bat ihn im Namen von Millionen russischer Juden flehentlich, von seinem Posten zurückzutreten und der judenfeindlichen Bewegung, die dann vor allem die armen und wehrlosen Juden aushalten müßten, keine neue Nahrung zu geben. Trotzki weigerte sich, indem er erklärte,
“die russischen Interessen aber gebieten, daß ich an meinem Platze bleibe.”
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Im Zusammenhang mit der Reaktion Trotzkis ist die Aussage des Gelehrten Simon Dubnow bedeutungsvoll.
Dubnow, Autor der 1929 erschienenen Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Von seinen Uranfängen bis zur Gegenwart , sprach am 9. Juni 1917 auf einer großen jüdischen Versammlung in St. Petersburg. Rußland stand zu diesem Zeitpunkt zwischen Revolution und Gegenrevolution. Dubnow sagte: “Es ist wahr, daß einige Demagogen aus unserer jüdischen Mitte kamen: sie erscheinen unter russischen Pseudonymen, da sie sich ihres jüdischen Ursprungs schämen (Trotzki, Sinowjew und andere). Es wäre aber besser zu sagen, daß ihre jüdischen Namen Synonyme waren; sie sind nicht in unserem Volke eingewurzelt.”
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Viele Juden ahnten damals zu Beginn der Revolutionen in Deutschland, dass das plötzliche Auftreten von Juden auf dem linken Rand der politischen Bühne die Gefahr in sich trug, die jüdische Gemeinde als Ganze zu stigmatisieren.
Grundsätzlich war der großen Mehrheit der deutschen Juden, die dem liberalen Mittelstand angehörten, der Linksradikalismus ebenso verhasst wie ihren christlichen politischen Gesinnungsgenossen. Daher schrieben an Kurt Eisner, den Berliner Juden und Vertreter der Münchner Räteregierung, einige Juden einen Brief, in dem sie ihn baten, sich ins Privatleben zurückzuziehen, da sein Auftreten in der Revolution den deutschen Juden nur stark schade. Eisner lehnte mit der Begründung ab, dass, wenn heute immer noch ein Unterschied zwischen Jüdischen und Nichtjüdischen gemacht werde, er sagen müsse, dass “die ganze Revolution umsonst gewesen sei”.
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Alfred Wiener, ein hochrangiger Vertreter des Centralvereins sagte 1924 zu der viel beschworenen Verbindung von Judentum und Bolschewismus: “Juden waren nicht nur in der Münchener Räteregierung, sie waren auch auf der Gegenseite. Zwei jüdische Studenten, die den “weißen” Truppen zur Befreiung Münchens angehörten, wurden schwer verwundet und starben. Unter den Münchener Geiseln, die so viehisch ermordet wurden, befand sich auch der jüdische Kunstmaler Professor Ernst Berger ….. Graf Arco, der das Attentat auf Eisner ausgeführt hat, ist mütterlicherseits jüdischer Abstammung. Diese Tatsachen werden verschwiegen, wenn es gilt, die Juden zu bekämpfen. Denn diese Tatsachen würden nicht zu der Behauptung passen, daß die Juden nur in allen internationalen Bewegungen zu finden sind.”
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Die Presse fand diese Tatsachen im allgemeinen nicht erwähnenswert, was die Arbeit der antisemitischen Agitation vereinfachte und förderte. Die antisemitischen Gruppierungen waren mit unbegrenzten finanziellen Mitteln ausgestattet. In Deutschland erhob sich während und nach dem Krieg eine antisemitische Welle nach der anderen. Antisemitische Blätter, Broschüren und Bücher schossen wie Pilze aus dem Boden. Die antisemitischen Aktivitäten waren vielfältiger Art, wie der christliche zeitgenössische Beobachter Anton Fendrich in einer 1920 veröffentlichten Schrift berichtete: Antisemitische
Flugblätter wurden an die Schulkinder auf dem Schulweg verteilt, Studenten brüllten jüdische Professoren zu den Lehrsälen hinaus; Baltikumsoldaten zerrten einen judenfreundlichen Politiker von der Tribüne und prügelten ihn fast zu Tode. Fendrich schrieb: “Wenn ich mich manchmal mit dem Gedanken abfand, unsere Feinde (die Entente) könnten schließlich doch Recht haben, wenn sie uns Barbaren nannten, dann immer wegen des namenlos rohen Tons in dem der deutsche und besonders der deutschnationale Antisemitismus sich äußert.”
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Die antisemitische Kampagne sprach bei den Volksmassen offenbar etwas an, dem Gehör geschenkt wurde. Die öffentliche Akzeptanz der Hetzparolen nahm zu.
Die antisemitische Aufhetzung der Jugend wurde mit besonderem Fanatismus betrieben; an den Schulen grassierten Parolen und Symbole des Antisemitismus in einem Maße, dass die Kultusministerien einiger deutscher Länder zwischen 1919 und 1922 die Verbreitung antisemitischer Literatur und das Tragen des Hakenkreuzes und anderer antisemitischer Symbole verboten. Doch weite Teile der Lehrerschaft leisteten weiterhin in erschreckendem Maße Dienste als Helfershelfer. Die Universitäten wurden noch stärker von der antisemitischen Welle mitgerissen, die Deutschland überflutete. In der Weimarer Republik zeigten sich Studentenorganisationen und studentische Körperschaften überall in Deutschland für den Antisemitismus anfällig.
Mittlerweile hatte auch jener Soldat von der Front in Flandern, auf den bereits im ersten Teil der Abhandlung Bezug genommen wurde, seine Vorstellungen von den inneren Feinden konkretisiert. Dass die eifrige Hetze der aktiven Antisemiten im Gefolge des Ersten Weltkriegs, einschließlich der Judenzählung der Obersten Heeresleitung ihren Teil dazu beigetragen haben, kann vermutet werden; inwieweit, darüber kann spekuliert werden. Jedenfalls, im ersten Schriftstück der politischen Laufbahn Adolf Hitlers stellt “das Judentum” und “der Jude” eine Gefahr für das deutsche Volk dar, sei in der Wahl der Mittel skrupellos, strebe erbarmungslos nach Macht, buhle um die Gunst der Masse, wolle nur Herrschgier befriedigen, wäre die treibende Kraft von Umsturz und Revolution. Hitler war Bildungsoffizier im Stab des Gruppenkommandos, als er im Auftrag seines Vorgesetzen am 16. September 1919 diese Stellungnahme verfasste. Im Nachhinein ist leicht zu erkennen, daß diese Schilderung niemanden besser als Hitler selbst, und mit ihm die gesamte antisemitische Bewegung, charakterisiert.
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Der Centralverein stellte 1922 fest, dass polnische und ukrainische Politiker die von ihren Landsleuten an den Juden seit Herbst 1918 verübten Pogrome damit entschuldigten, “daß sie den Antisemitismus von den Deutschen gelernt hätten.” So schwang man in Rußland das Mordbeil und die Brandfackel, während man in Deutschland vorwiegend mit antisemitischen Theorien und Redner zuschlug. Aber auch in Deutschland kam es seit dem Frühjahr 1919 wiederholt zu antisemitischen Ausschreitungen.
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1920 sprach Dr. Bruno Italiener, Mitglied des Centralvereins,
von einer antisemitischen Woge nach dem ersten Weltkrieg. Er erinnerte an die Erwartungen und Hoffnungen vor dem Krieg: “Wir glaubten, das Blut unserer gefallenen Kameraden, die Tränen der Frauen und Mütter müßten zusammenfließen zu einem heiligen Strom und hinwegspülen den Wall des Hasses, den Jahrhunderte altes Vorurteil gegen uns Juden in unserem deutschen Vaterlande aufgerichtet hatte. Die Hoffnung trog! Schlimmer als je brandet die Woge des Judenhasses.”
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Die antijüdischen Gewalttätigkeiten verstärkten sich, als die deutsche Währung zusammenbrach. Der schlimmste Angriff fand am 5. und 6. November 1923 in Berlin statt, als ein Mob von etwa 30.000 Menschen Juden angriff und beinahe eintausend jüdische Geschäfte plünderte.
Einem Bericht der C. V. – Zeitung vom 30. November 1923 zufolge bildete ein Leitartikel im antisemitischenDeutschen Tageblatt den Auftakt zu den Ausschreitungen. “Das Volk verhungert. Im wilden Taumel überstürzen sich die Preise…“, hatte das Deutsche Tageblatt geschrieben, und weiter: “Es ist den Juden in der Tat gelungen, ein ganzes Volk buchstäblich hungern zu lassen, weil diese New Yorker Großschieber mit Hilfe der lächerlichen Goldbasis unsere Valuta bestimmen und jetzt täglich den Wert der Mark um die Hälfte herabsetzen.“
Die anschließenden Ausschreitungen richteten sich gegen das Berliner Ostjudenviertel. Die C. V. – Zeitung schrieb: “Obwohl die Schupo sofort eingriff, war sie dem unerwartetem Ansturm vieler Tausender nicht gewachsen. Plünderungen, Ausraubungen, Mißhandlungen jagten sich wie in den schlimmsten Zeiten des Mittelalters… Es ist auch schon durch die Presse bekannt, dass es vielen jüdischen Frontsoldaten recht übel erging und dass der Geschäftsführer der Groß-Berliner Ortsgruppen des Centralvereins es nur einem Wunder zu verdanken hat, dass er mit dem Leben davongekommen ist ..… Als unser Berliner Geschäftsführer blutüberströmt auf ein Auto der Schutzpolizei geschleppt wurde, fuhr dieses unter dem johlenden Hurra des Mob in der Grenadierstraße davon.“
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“Ein eigenartiges Martyrium blüht aber jetzt den deutschen Juden im Auslande und jenen nichtdeutschen Juden, die in deutscher Sprache und Kultur erzogen, seelisch mit dem Deutschtum verbunden sind“, schrieb Binjamin Segel 1923 in der Philosophie des Pogroms, “So oft sie in diesen schweren Zeiten für das hartbedrängte Deutschland eintreten, hält ihnen der Fremde entgegen: “Ihr braucht euch kein Bein für die Deutschen auszureißen! Die Art, wie sie euch behandeln, ist der beste Beweis dafür, daß die Bezeichnung Hunnen noch viel zu gut für sie ist … Solche Reden müssen die Juden im Auslande hören. Und es gehört der ganze jüdische Optimismus, die trotzige Bejahung des Glaubens an den dauernde Sieg des guten und an die Nichtigkeit des Bösen dazu, um nicht zu verzweifeln und dabei zu beharren, daß das Deutschland Lessings das wahre Deutschland ist, welches nur zeitweilig verdunkelt wurde, aber bald wieder auferstehen wird zu neuem Leben.”
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Und ein anderer zeitgenössischer Beobachter, I. Heinemann, kommentierte die Entwicklung 1925 wie folgt: “Blicke ich gar in eine Geistesverfassung hinein, die alles unheilvolle neueren Geschicks – Weltkrieg, deutsche und russische Revolution, Spartakus – auf große internationale Konspirationen des Judentums zurückführt, so ist’s wie ein Blick in ein finster glotzendes Kellerloch. Hier sollen Juden Pazifisten sein, dort Kriegshetzer, hier Erreger von Aufständen, dort Geschäftemacher im Schoß der neuen Regierung, und das alles nach einem einheitlichen, schlau berechneten Plan – das ganze geistige Sklaventum des Judenhasses kommt in der unterwürfig blinden Scheu zum Ausdruck, die eine derartige irrsinnige Verschwörung für möglich hält. … Wie reimt sich das mit deutscher Geistesfreiheit, deutscher Tatsachenerforschung und deutscher geistiger Weltumspannung?“
auch hier ein großes Kompliment Renate und der Buchtitel, der sich mit den Motiven befasst, für jeden Juden lesenswert
Götz Aly – Warum die Deutschen – Warum die Juden – laila tov.
schliße mich #Zahal an, danke für jede zeile!
@Zahal. Freue mich hier wieder etwas von dir zu lesen. Wurdest bereits vermisst.
Ja, Götz Aly ist ein guter Autor. Nicht nur sein Buch über den Neid der Deutschen ist für uns von Interesse, sondern auch sein Buch über die 68er, welches sich zu 100% mit meiner Lebenserfahrung deckt.
[...] gerade Israel und hat diesen vierteiligen Gastartikel verfasst) Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2: Chanukka [...]
Shalom Ihr Lieben, ja, leider bin ich sehr beschäftigt, gerade bekommt Deutschland seinen DÖNERGATE und zuvor geschah ein Spendenskandal in Zusammenarbeit mit NIF und antiisraelischen “Juden” die mit Islamisten zusammenarbeiten – hey, wir müssen diese Welt retten
Götz Aly schreibt gut, ohne Zweifel.
[...] gerade Israel und hat diesen vierteiligen Gastartikel verfasst) Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2 und Teil 3 und Teil 4: Postkarte von 1923 zeigt die ‘dicken Geld- und [...]