By , on June 27, 2012

Deutschland, Israel, Judentum


The Book Gallery in Jerusalem

Ulrich J. Becker, Jerusalem, 6. Tammus 5772

 

So, es wird jetzt einmal Zeit in einem rundum-Artikel auf ein um sich greifendes, aktuelles Phaenomen von ‘Jude-Sein-Spielereien’, juedischen Masken- und Identitaetsvorwuerfen und Betruegerein in Deutschland und darueber hinaus und auf die Position des juedischen Konvertits einzugehen. 

Ich denke, die Meisten kennen die Beispiele von den angeblichen und selbsternannten Juden, von Schwindlern und ‘Ueberjuden’, die angeblich so pro-israelisch sind, dass alle anderen schon wieder selbst Unjuden sind usw. usf..

Und dieser Artikel soll auch noch mal in ganz persoenlicher Note unterstreichen – auch wenn es die meisten Stammnutzer wissen sollten, und es nie ein ‘Geheimnis’ war -, dass ich persoenlich orthodoxer Konvertit bin – aus ehemals gut sozialistischen, deutschen, antireligioesen Hause. Fuer einige mag sowas immer ein Anlass sein, meine ‘juedische Glaubwuerdigkeit’ zu bezweifeln, oder mich als ‘extremistischer Konvertit’ zu ‘entlarven’, der halt allen Juden ringsherum mal zeigen muss, wie knueppeldick zionistisch und juedischer er ist etc.. (Und wie muessen einige links-saekulare Juden schaeumen, wenn ‘dieser Konvertit’ ihnen hier ab und zu erklaeren will, was ‘unjuedisch‘ ist.) Kurz, bei einigen herrscht eine regelrechte Ger-Mania. 

Das ist zwar bedauerlich, auch fuer sie, aber trotzdem falsch. Aber da es anscheinend nicht klar genug ist, auch wenn ich absichtlich nie meinen ersten unjuedischen Vornamen aufgab oder ‘wegfallen liess’, nie behauptete geborener Jude zu sein, und man auch einen mittlerweile Jahrealten Zeit-Artikel ueber mich und meine Giur und Alija im Netz lessen kann (hier sei ein Fehler in dem Artikel korrigiert: Den deutschen Pass behielt ich hauptsaechlich wegen meinen kleinen Bruedern), muss ich wohl auch noch mal hier etwas in Richtung ‘personal Blog’ ausschwenken, um Missverstaendnisse zu vermeiden und ganz klar zu sagen: Ich bin Konvertit, ehemaliger Deutscher, heute Jude, nationalreligioes, pro-Siedlungen, pro-Orthodoxie, und denke, dass dies die beste, ethischste, sozialste, intellektuellste, menschlichste, gesuendeste aller Lebensformen ist, egal welche angeblichen Beweggruende man mir unterstelle.

Es scheint in Deutschland eine weitverbreitete Vorstellung zu geben, dass immer wieder Nicht-Juden sich mit einer unwahren, bis halbwahren juedischen Identitaet ‘schmuecken’ wollen. Und die endlosen Anschuldigungen, ‘Enthuellungen’ und Egokaempfe von Facebook aufwaerts, bestaetigen diese Vorstellungen sehr wohl.

Nur ich kann – zumindest hier von Israel aus, und es mag sein, dass ich da den Kontakt verloren habe – nicht recht verstehen, warum man sowas macht. D.h. ich kann es natuerlich schon irgendwie nachvollziehen, dass Juden nach dem deutschen Super-Gau von 1933-1945 als die ‘ethisch Sauberen’ gelten und viele Deutsche auf dem Identitaetswechselwege der Giur ihrem schlechten Gewissen, dass sie dennoch jagt, auch wenn sie dreimal taeglich sagen, dass sie doch ‘ueberhaupt keine Schuld und Verantwortung haben fuer das was damals geschah’, eine deutliche Erleichterung verschaffen koennen. Ja, das verstehe ich schon, und ehrlich gesagt, habe ich nicht die Illusion, dass ich selbst oder ueberhaupt ein deutscher Konvertit jemals wirklich und endgueltig jeden ueberzeugen kann, dass seiner Konversion nicht doch auch solche Beweggruende unterlegt waren.

Ich selbst kann behaupten, und jeder mag glauben was er moechte, dass dies fuer mich keine Rolle spielte, sondern das gelebte juedisch-orthodoxe Leben, oder zumindest haette das fuer mich niemals der Anlass fuer so einen folgenschweren Schritt seien koennen. Der Unterschied ist naemlich: Ich wollte nie Jude werde. Ich wollte religioeser Jude werden – oder um noch genauer zu sein: orthodox religioeser.

Und ehrlich, allgemein in Deutschland kann ich mir nicht vorstellen, dass es so toll ist ‘Jude’ zu sein. Wenn ich in Deutschland auf Besuch bin, versuche ich meine juedische Identitaet moeglichst im oeffentlichen Raum zu verstecken, trage Basecap statt Kippa, spreche mit meiner Frau lieber Deutsch oder Englisch als Hebraeisch etc.. Warum es sich so kompliziert machen, wenn es netto darum geht, biologisch, abstammungstechnisch, ‘voelkisch’ ein Jude zu sein, wenn man es auch einfach haben kann, und Deutscher in Deutschland sein,

Und sowieso ist ein echtes, juedisches Leben in Deutschland passé und wird nie wieder sein, nicht in den naechsten paar Hundert Jahren. Es ist ein Anachronismus und tot, ermordet, egal wie man versucht diese Leich zu erwecken. Es mag hier und da ein paar tapfere Ritter geben, die Versuchen die Torah in einem Land aufrecht zu halten, welches sie schon laengst in Richtung ihres Heimatlandes verlassen hat, obwohl ich mich frage, warum sie das tun wollen?

Der Ruf der Zeit ist nach Israel, auch wenn sich die deutsche Elite emsigst dagegen staemmten und versuchten noch moeglichst viele Juden der Sowjetunion abzukaufen, um sich judentechnisch zu ‘rehabilitieren’ und zu hoffen, dass diese ihnen ein Teil von dem was sie sich selbst verbrannten und vernichteten, wieder mitbringen koennten, da es ganz ohne wohl doch nicht so gut geht. Aber so viel Geld sie auch bieten, soviel sie eine angebliche ‘deutsch-juedische’ Kultur beschwoeren, ueber kurz oder lang, werden immer mehr Juden Deutschland und Europa in Richtung Israel verlassen, da braucht es gar keine antisemitischen Gerichtsurteile wie erst gestern vom Landgericht Koeln – aber es hilft sicher.

 

Und auch hier mag es wieder den einen oder anderen Juden geben, der sich die ‘Frechheit dieses Konveriteten’ verbietet, die Zukunft des Judentums in Deutschland zu negieren, wobei sie sich doch wirklich so sehr darum bemuehen etwas aufzubauen – aber was?

Ein unjuedisches Judentum? Ein unzionistisches Judentum?

Oder doch ein juedisches und zionistisches Judentum? Und wenn ja, warum denn in Deutschland und nicht im juedischen Herz und Heimatland – in Zion?

Sie leben dieses Paradox und moegen sich sicher ueber mich, aber vielleicht auch ueber sich selbst, aergern. Ich kann sie auch in ihrem Abstandhalten zu Konvertiten teilweise verstehen, selbst wenn sie damit ein zigfaches direktes Torahgebot verletzten. Wie nervig muss es sein, dass jemand staendig dir ‘beitreten’ moechte, deine Identitaet annehmen und ‘juedischer sein als du’, waehrend du selbst mit deiner Identitaet ringst?

Besonders schwer wird naemlich diese ‘Identitaetsbedrohung’, wenn das eigene ‘Juedischsein’ sich nur noch auf eine duenne Decke von Biologie und leicht verkitscher ‘juedischer Kultur’ bezieht?

Denn interessanterweise sind diejenigen Juden, die groessten Kontrahenten, Abweiser und Verspotter von Konvertiten (und ich rede hier von orthodoxen Konvertiten), auch wenn ich es selbst gluecklicherweise kaum erlebte, wohl vor allem, weil ich in Israel lebe, welche selbst jegliche juedische Religion und Tradition abgelegt haben, ausser vielleicht ein paar Flueche, Erinnerungen, jiddische Sprueche und Kochrezepte.

Die Juden, die orthodoxe Konvertiten am besten, unproblematischsten und herzlichsten behandeln und empfangen sind immernoch orthodoxe Juden, so egal es doch auf den ersten Blick den ‘atheistischen’ juedischen Naturen seien sollte.

Ist es aber nicht. Ihre Identitaet ist vom judentuemlenden Newcomer bedroht, der ploetzlich ‘juedischer sein koennte, als sie selbst’, wenn man die Biologie kurz mal ausschaltet. Und um so staerker betonen sie die biologische Komponente und reden die ideologisch-religioese klein.

Gott sei Dank ist das Judentum aber zweischienig in dieser Angelegenheit, weder nur ‘Volk’ noch einfach ‘Religion’. Es ist eine Volksreligion, bzw. das Bundesvolk, und dem kann man beitreten – und zwar jeder Mensch dieser Erde (auch wenn besonders Moslems das immer gar nicht wahrhaben wollen).

Ruth (und dieser Artikel sollte eigentlich zu Schawuot erscheinen) schliesst sich dem Volk UND dem Gott Israel an. Aus ihrer Linie entspringt Koenig David – also ein Konvertiten-Giur-Braten. Damit natuerlich auch sein Sohn Schlomo (Salomon), der weiseste Mensch der Welt und Koenig Israels.

Und sowieso sollte man hier vielleicht erwaehnen, fuer alle die Juden, die ausschliesslich auf das Biologische pochen, dass der Ueber-Stammvater Avr(ah)am natuerlich kein ‘Jude’ war. Genauso wenig wie die Ueber-Stammmutter Sarai(Sarah), und genauso wenig wie alle “Seelen die sie in Charan gewonnen hatten” (וְאֶת הַנֶּפֶשׁ אֲשֶׁר עָשׂוּ בְחָרָן) BeReschit/Genesis, 12:5, sprich Konvertiten, die der Grundstein des Volks Israels sein sollten, welches erst zwei Generationen spaeter den Namen Israel erhielt und Jahrhunderte spaeter den Namen ‘Juden’.

Und natuerlich war es bis zum spaeten Missionierungsverbot noch lange hin und bis dahin wurde es Konvertiten recht leicht gemacht (siehe Talmud) der wahren Religionen und dem einzigen Monotheismus beizutreten. Die Sache wurde mit den Roemern und der Abspaltung der Christen komplizierter, bis man es dann wohl oder uebel verbieten musste, was vielleicht im Enddefekt gar nicht so schlecht war, weil eigentlich nur Leute die es ‘ernst meinten’ die Huerden aufnahmen dem ‘Club der Verfolgten’ beizutreten.

Heute ist das in Deutschland etwas anders, wobei man u.a. in bestimmter Gesellschaft vermeintliche ethisch, geschichtliche, exotische Pluspunkte als Jude aufbieten kann. Und vielleicht spricht es ja sogar eine Art christliche Selbstbemitleidungsspur an, wenn man sich als ‘verfolgt’und ‘Opfer’ profilieren moechte.

Darum darf es aber bei einer echten, orthodoxen Giur nicht gehen. Diese sollte – und meiner Erfahrung nach kann auch kaum – auf ‘fremden Gruenden’, wie Profilierung, materiellen Vorteilen, Partnerschaft etc. gegruendet sein.

In Israel ist es als Deutscher das Gute, dass man sich als Jude vor Ort kaum ‘profilieren’ kann, da das eh alle sind (auch der ganze Mystizismus, wie offenbar in Deutschland, ist damit schnell weg vom Fenster). Und sowieso wird man aermer, nicht reicher, wenn man das reiche, satte Deutschland fuer das kleine, umkaempfte, teure und hektische Israel verlaesst. Und durch den Weltrekord an schoenen Frauen (und wie ich mir sagen liess, auch an Maennern) kann hier zwar schon der Verdacht eines ‘fremden Grundes’ aufkommen, aber wer sein Leben ernsthaft auf praktizierendes Judentum umstellt, um jemanden heiraten zu koennen, sollte wissen, dass dadurch vielleicht die Heirat, aber sicher sein praktiziertes Judentum bald zerplatzen koennte.

Darum geht es nicht, bzw. sollte es nicht gehen.

Und damit sollte eigentlich erstmal alles gesagt sein, bleibt mir nur noch den Oberrabiner von Kirjat Ono, den Rav HaRussi zu zitieren, der angeblich Anwaerterposten auf das israelische Oberrabinat hat, welcher waehrend einer Ansprache ueber das Judentum rief, ja schrie, damit es alle kapieren, denn leider ist es noch nicht ueberall vorgedrungen (und er wusste nicht, dass sich Gerim im Raum befinden):

 

“Es ist nicht die Biologie,sondern die Ideologie!

 

Und noch etwas:

Die einen moegen den Konvertiten immer verdaechtigen, besonders streng und ‘orthodox’ zu sein, eben weil er beweisen muss, dass er ‘koscher’ ist, etc.. Die anderen aber moegen ihn verdaechtigen eher lax und unorthodox zu sein, da er keine Familietradition im praktizierten Judentum hat. Sprich, wenn man erst damit anfaengt, zu berechnen, wer eventuell was von einem erwartet, kommt man ueberhaupt nicht vorwaerts.

Und man braucht sich auch nicht mit anderer Leute komischer Ansichsten verfransen, denn dafuer gibt es die Torah.

 

Aber doch bleibt da noch die eine grosse Frage offen, die vor allem Nichtjuden, aber auch nicht praktizierende Juden, immer wieder an Konvertiten richten:

Seid ihr jetzt wirklich Juden?

Sie meinen damit ‘Volljuden’, denn sie fragen sich, ob man nicht doch ewig ein Aussenstehender, ein ‘Jude zweiter Klasse’ sei und bleibe.

Das stimmt natuerlich so nicht und ausser bei einer Konvertitin, die einen Cohen heiraten will, und einer bestimmten Position in einem juedischen (Religions)gericht ist man vollkommen gleichberechtigt und unterliegt den gleichen Pflichten und Ver- und Geboten. Es ist juedischen Religionsgerichten sogar verboten danach zu fragen, ob jemand einmal frueher kein Jude war, sowie es eigentlich auch jedem Juden per Halacha verboten ist, einem Ger/Konvertit danach zu fragen, bzw. daran zu erinnern, dass er einmal kein Jude war.

Aber natuerlich ist es ein Unterschied geborener Jude oder ein “Jew of choice” zu sein. Ich selbst merke sogar mit fortschreitenden Jahren immer noch einmal mehr, als ich sowieso schon wusste, wie grundlegend anders meine Erziehung, Sozialisation, Werte und Normen waren. Es ist nicht leicht und ein immer fortwaehrender Prozess von Jahren, eine Beschaeftigung mit sich selbst, den Werten und Normen der Torah zu folgen. Wie sagte mir mal jemand – die Richtige Konversation beginnt erst nach der Mikve (dem religioesen Tauchbad, was den Eingang ins Judentum besiegelt). Und ich wuerde zufuegen: Und sie hoert nie wieder auf.

Es ist keine Sache, wo man ein Stempel und einen Abschluss bekommt und fertig. Das Judentum ist meiner Meinung nach die ernsthafteste Sache der Welt, selbst wenn ich noch weit von meinen Torah-Zielen entfernt bin, in denen ich mich gern sehen wuerde.

Und in diesem Sinne, habe ich auch kein Problem zu sagen: Nein, ich mag gesetzlich ein “Volljude” sein, aber mein Sozialisierung war woanders, egal wie sehr ich der Torah folge, lerne, etc. und ich werde immer ein Ger sein. Das ist aber auch vollkommen okay. Zwar in einem anderen Zusammenhang gesagt, wuerde ich auch hier anfuegen: “Wisse woher du kommst!

Und hier muss ich kurz eine Anekdote einfuehren, die doch wieder einige Vorurteile und Kritiken aus juedisch-saekularer Sicht bestaetigen koennte, wenn es nicht eine derart vereinzelte Geschichte waere:

Als ich meine letzte Unterschrift unter mein Giurzertifikat im Buero des israelischen Premierministers (damals Ariel Sharon) holen wollte – wo der zustaendige Rabbiner sitzt, nicht Scharon selbst – legte ich meinen Pass in der Sicherheitsschleuse vor und musste auf ein Abchecken und Einlass warten. Zur gleichen Zeit stellte sich jemand neben mich, in etwa in meinem Alter, auch eine Kippa, und legte den gleichen roten Adlerpass auf den Tisch – und war genau wie ich aus Deutschland und auf dem Weg zum Giur-Stempel bei genau dem gleichen Rabbiner. Wir gingen zusammen in Givat Ram Mincha daven und kamen etwas ins Gespraech, bis der Rabbiner aus Tel Aviv eintreffen wuerde. Das Interessante dabei war, dass hier zwei deutsche Jungs waren, mit eventuell recht parallelen Gesichten – sogar etwas erschreckend aehnlich, dass man sich fragt, ob man nicht irgend einer ‘Mode’ folgt -, aber dann doch wieder so anders:

Ich wollte nach der Giur in die Armee (was dann doch anders kam), studieren, arbeiten, eine Familie gruenden etc., moeglichst im Raum Jerusalem, mich fuer Hasbara in Deutschland engagieren, Antisemitismus anprangern etc.. Er wollte hingegen zu den ‘radikalsten’ Siedlungen im noerdlichen Schomron (Samaria) und auf meine Frage, ob er nicht auch mithelfen wollte, etwas im Bereich deutschsprachiger Hasbara zu tun, erklaerte er mir direkt, dass man diese ‘Goim’ nicht aendern koenne und sie keine Ahnung haben. (Ich hoffe, Leser verstehen, dass dies hier von mir als ein extremes Beispiel eines frischen Konvertiten angefuehrt ist – auf keinen Fall als die Norm). Hier war also ein Konvertitet, der praktisch, halachisch noch immer ein ‘Goi’ war und schon erklaerte, dass sie – bzw. er selbst doch keine Ahnung haetten und sich nie aendern wuerden? Wie genau hatte er sich dann zu diesem Schritt entschlossen? Ich sollte vielleicht erwaehnen, dass unser ganzes Gespraech, nach seiner anfaenglichen Bitte, nicht deutsch zu reden, auf Hebraeisch verlief.

Ich weiss, das Thema ist tief verzwickt, aber ich moechte hier zumindest wiederholen: Wisse woher du kommst.”

Und was noch viel wichtiger ist: “Wisse wohin du gehst!

Denn ein zentrales Thema bei meiner Giur war nicht nur, wie und wo ich leben moechte, was ich mit meinem Leben entschlossen habe zu tun, sondern wie ich meine Kinder aufwachsen sehen moechte, nach welchen Werten, in welcher Gesellschaft etc..

Und ich kann sagen: Meine Giur mag gerne bei meinen Kindern enden, die zwar sowieso Kinder einer gebuertigen Juedin sind, aber denen doch trotzdem der Vater ihre Judentum mitanerziehen muss und hier ist meine Pruefung. Die schwerste von allen. Wir wissen, dass wirkliche Erziehung nur durch ein vorgelebtes Beispiel funktioniert, und so kann man praktizierende, juedische Kinder schlecht erziehen, wenn sie sehen, dass man selbst nichts davon haelt. Natuerlich kann ein Kind – der Alptraum eines jeden religioesen Vaters – aus allen moeglichen Gruenden sich irgendwann dazu entschliessen nicht diesem Pfad zu gehen, aber zuerst einmal muss man alles dafuer tun, dass es das Judentum als den wunderbarsten, gerechtesten, liebevollsten Lebensweg erfaehrt und Zeit seines Lebens folgen wird.

Und eigentlich ist auch das nicht genug, denn erst wenn auch die Enkel noch Torah lernen, lehren und leben, kann ich eventuell davon sprechen, dass die eigene Giur ‘geglueckt’ist.

Der Talmud erzaehlt uns in Baba Metzia 85a, dass nach drei Generationen, welche die Torah lernen und leben, die Torah immer “wieder nach Hause” zu deren Nachkommen zurueckkehren wird, selbst wenn sie sie ‘zwischenzeitlich’ verlieren sollten.

Dies nur mal zum Verstaendnis, um welche Zirkel es hier geht. Und dies ist klein, wenn man bedenkt, dass der Schritt der Giur, alle deine Nachkommen in den Jahrhunderten und Jahrtausenden nach uns, Juden sein laesst.

 

Oft – nein, immer! – werden Gerim hier in Israel, aber auch sonst, gefragt, warum sie dies getan haben. Und die angegeben Gruende koennen manchmal ueberraschend vielfaeltig sein und Baende fuellen. Ich entgegne machmal meinen juedisch-geborenen Fragern, mit der Frage, ob sie das nicht auch getan haetten? Ich meine: Angenommen, sie waeren nicht als Juden geboren, waeren sie uebergetreten oder nicht?

Ich muss sagen, die meisten haut es ein bisschen um, weil sie sich in den meisten Faellen diese Frage noch nie gestellt haben.

Zu natuerlich ist ihr Judentum (und das ist ja auch gut so), da sie nie annahmen, dass sie keine Juden haetten seien koennen und andersherum, wenn sie keine Juden waeren, waere die ueberwaeltigende Anzahl der Ge- und Verbote fuer sie nicht mehr relevant und sie wissen nicht ganz, ob sie dann versuchen wuerden, diese auf sich zu nehmen. Wuerden sie die nichtjuedische Welt ohne Torah im Hinterkopf ‘geniessen’, oder wuerden versuchen in den Schoss des Judentums zu gelangen? Und wenn ja, warum?

Und wer moechte, kann hier mit sich weitergruebeln…

 

 



35 Comments to “Ger-Mania: Von Identitaetsstreitigkeiten zwischen Juden und Deutschen und ein paar Gedanken und Punkte zum Ger-sein”

  1. mike hammer says:

    ad mea ke´h esrim. ;)
    yischkoach #U.J.B., kol ha kawod!
    :D

  2. Fraglich says:

    wenn man von aussen kommt, dann hat man erst einmal den Vorteil, dass man den Blick auf das Ganze hat und nicht bei jeder Kirchturmstreiterei mitmachen muss.

    Umso mehr erstaunt es mich, dass sich hier jemand, der von aussen kommt, bei diesen Kirchturmstreitereien so extrem engagiert, und sogar soweit geht, Menschen, die anderer Meinung sind, herabzuwürdigen.

    Ich kann schon verstehen, dass man sich bei den Siedlern wohlfühlen kann: schliesslich sind sie damals auch mit blümchen (oder challot) die Russen vom Flughafen abholen gekommen, um sie zu überzeugen, sich bei ihnen niederzulassen. Das gleiche machen sie mit den Juden aus Mitzoram (oder China), und auch aufrechte Gerim empfangen sie mit offenen Armen – logisch: sie haben ja ein Interesse daran, dass möglichst viele Juden sich ihnen anschliessen, um eine Räumung der Gebiete möglichst unmöglich zu machen.

    Ich kann auch verstehen – wenn auch nicht nachvollziehen – dass man sich ein Häuschen im Grünen kauft, auf einem Land, das einem von den Militärbehörden BIS AUF WIDERRUF zur Verfügung gestellt wird – und das folgerichtig viel billiger kommt als im Israelischen Kernland. Ich persönlich würde mir kein Haus auf einem Grund bauen, der mir jederzeit wieder entzogen werden kann…

    Und aus dieser ganzen Kombination versteht man dann auch die Bitterkeit der Siedler: es geht ihnen ganz existenziell um ihr Häuschen, natürlich speien sie Gift und Galle gegen alle, die ihnen den Grund darunter wieder entziehen könnten.

    Dieses Gift und Galle speien ist aber kein schöner Anblick. Weder bei Gerim, noch bei den übrigen Siedlern.

    Gerim hätten eine Chance gehabt, einen geschärfteren blick für Achdut zu haben – nicht jeder nimmt sie wahr.

  3. A.mOr says:

    Danke Uli, habe diesen Artikel mit Vergnügen und Gewinn gelesen.

  4. Rainer Lang says:

    sehr gut, Uli. War spannend, es zu lesen und darüber nachzudenken. Eine Zeile besonders:

    “die Torah immer “wieder nach Hause” zu deren Nachkommen zurueckkehren wird, selbst wenn sie sie ‘zwischenzeitlich’ verlieren sollten.”

    das trifft auf mich zu. Weiss nicht, vor wie vielen Generationen die Torah verloren wurde. Ist mir auch egal. Sie kommt zu mir zurück. Das ist sehr offensichtlich und je mehr sie zurückkommt, desto besser geht es mir.

  5. Noa says:

    Sehr schoen, Uli. Danke dafuer.
    Ja, mir geht es genauso, ich muss nicht vestecken, dass ich Gioret bin, und es hat mir noch nie (hier in Israel) Nachteile gebracht, das zu sagen. Im Gegenteil, man hat mich hier so unglaublich warm entgegengenommen, dass es einen fast umhaut. Und wenn, ja dann kommt kritik aus den Saekularen Reihen. Ich denke wie du, dass man nicht sein “Taetervolk” gegen das Opfervolk eintauschen kann mit einem GIur, denn ich habe es als umgekehrt, als schwieriger empfunden, nun auch noch eine “Last ” auf den Schultern zu tragen. Die eine Last, wenn ich mich in Auschwitz sehe, wie unfassbar ich bin und verzweifelt, dass “mein” Volk die Deutschen, solche Ausgeburten an Grausamkeiten hervorbrachten und dann die andere schmerzvolle Seite, wenn ich mir vorstelle, dass es nun auch meine SChwestern und Brueder waren, denen man das antat und man es nun auch mir angetan haette, denn wenn sich die Shoa heute abspielen wuerde, waere auch ich evtl. dort geendet. Ein Satz meines Rabbiners hat mir mal Gaensehaut am ganzen Koerper verursacht. Er sagte waehrend des Giurprozesses, als wir ueber Shoa sprachen: “Ich bin mir sicher, dass sie mich freiwillig begleited haetten auf dem Weg nach Auschwitz…” und ich dachte: “oooppss. naja.. wow.. freiwillig? Ob das dann wirklich so war????” Er wollte wohl genau das erreichen, dass ich mir weiter Gedanken mache. Und das tue ich bis heute.
    Du hast recht, es hoert nie auf das Lernen. Manchmal ist es frustrierend, zu merken, wie wenig man weiss, wie viel es noch zu lernen gibt, und wie in meinem Falle, da ich mit 50 konvertiert bin – wird der Rest meines ganzen Lebens nicht ausreichen, um das Wissen auch nur halbwegs zu erreichen. Aber darum geht es nicht, es geht darum, weiterzumachen, nie aufzuhoeren, dafuer zu danken, dass wir diesen Weg gehen durften.
    Was mich nachdenklich macht und worauf ich noch keine ANtwort habe: warum erst im Alter von damals 46? Warum GIur mit 50? Welchen Sinn hat das, wenn nach mir das Judentum wieder aufhoert? Warum bin ich nicht BEVOR Ich meine Kinder bekommen und erzogen habe, darauf gekommen?
    So haette ich sie juedisch erziehen koennen und die Wahrscheinlichkeit, dass daraus weitere Generationen Juden gewesen waeren, waere groesser gewesen.
    Das macht mir Gedanken…
    Ja Uli, auch ich denke, ich weiss woher ich komme und wenn ich – sehr oft sogar – daran denke, wie ich frueher gelebt habe, dann moechte ich nie mehr tauschen. Die tiefe Bedeutung jedes Augenblickes im Judentum ist so stark wie sie vorher nie war. Ich habe das GEfuehl, erst jetzt zu”leben”.
    Danke nochmal Uli, fuer diesen schoenen Beitrag.
    Gruss an Frau und Kinder.
    Noa
    (wieder gluecklich in Israel seit April, auch wenn es schwer ist, wieder Fuss zu fassen, so ist es doch leichter als Jude in Israel, wenn ich lese, was so alles passiert, um uns das Leben in Deutschland unmoeglich zu machen)

  6. Julia says:

    Alle Achtung Ulrich!
    Ich schliessen mich A.mOr an.
    —————–

    Lieber Rainer, lieber A.m.Or,
    Ich habe mich lange nicht mehr gemeldet, weil ich ziemlich viel über mich selbst und über vieles nachgedacht habe.
    Und so überrasche ich meinen Umfeld mit einer Entscheidung die ich vor 3 Wo spontan getroffen habe: Ich werde auswandern oder zurückkehren (wie man es nimmt) in das Land meiner Geburt. Neulich las ich, dass immer mehr Schweizer auswandern und es gibt wieder Schweizer die nach Rumänien ausgewandert sind. Auch immer mehr Deutschstämmige kehren zurück.
    3/4 meines Lebens habe ich hier gelebt und ich wurde im schweizerischen Sinne erzogen, doch nun fühle ich mich da – trotz vielen Bekannten – ziemlich einsam. Dort ist es ganz anders.

    Wie es dort ist, werde ich auf meinen Blog schreiben. Für mich wird es sehr leicht sein, mich einzuleben, denn die Sprache muss ich nicht lernen, habe einige gute, zuverlässige Freunde, alte und neue, die mir bereits in manchen Dingen in diesen Wochen sehr geholfen haben. Das ist unbezahlbar.

    Meine CH-Bürgerschaft werde ich nie aufgeben, aber nicht wegen meinen Eltern, sondern weil ich doch durch und durch Schweizerin bin und die Schweiz sehr liebe.

    Später, werde ich mich wieder mal hier melden.
    Bis dann wünsche ich Ulrich und euch allen alles Liebe und Gute!
    Julia

  7. Fraglich,

    hoert sich halbwegs schluessig an, ist aber grundauf falsch. Ich hoffe, ich finde Zeit zu erklaeren.

  8. Mara says:

    Schon seit einiger Zeit folge ich (mit Freude) “aro1″. Was mich zu Anfang sehr beeindruckt hat (und immer noch beeindruckt) ist der “Schabbat-Modus”! Richtig klasse!
    Danke für den Lebensbericht! Es war für mich sehr gewinnbringend, ihn zu lesen. Er “bietet” Anlass, weiter und tiefer ins Nachdenken zu “geraten”! Danke!

  9. A.mOr says:

    Liebe Julia,

    für Deine Reise wünsche ich Dir gutes Gelingen, viel Erfolg mit Gesundheit und Segen!
    Keine Ahnung, ob Du dann von Romenje aus weiterbloggen willst, als Bloggerin selbst natürlich auch (habe schon ein paarmal bei Dir reingesehen;), aber es dürfte doch ziemlich spannend sein, wenn Du von Deiner „Neualt“-Heimat erzählst. Und, ganz ehrlich, ich fände es schön und wünsche Dir, daß Du dann -manchmal gibt’s sowas: „Schicksal“- nochmal sehr freundliche Begegnung mit Tsiganern vor Ort hast. Weiß schon, was Du damals meintest, aber schätze, daß Du auch meine (unsere) Sicht dazu gut verstehen kannst.

    Alles Liebe von mir, und freut mich, daß Du dran bleibst!

    A.mOr.

    PS/
    Kleine Reisebegleitungsmusik, nur so ;)
    http://www.youtube.com/watch?v=UsGGSsOawk8

  10. A.mOr says:

    Ach, und nochwas, bin so frei!
    Julia und ich schließen uns auch herzlich mikes Beitrag an! :D

  11. mike hammer says:

    #Fraglich

    wenn man von aussen kommt, dann hat man erst einmal den Vorteil, dass man den Blick auf das Ganze hat und nicht bei jeder Kirchturmstreiterei mitmachen muss.

    also in dem fall liegst du falsch, woher soll einer der von aussen ins judentum kommt alle
    facetten und ausrichtungen des judentums kennen.
    ein GER kommt zur thora genau so wie das ganze
    am-israel dazu kommt, mit NAHASSÄ WEH NIREH. wenn nun ein ger nebbich bei deiner kirchturmstreiterei mitmachen möchte, weil er es besser weis, warum soll er das nicht dürfen?
    du nimmst menschen das recht der freien meinung
    und würdigst sie damit herab, sie zu untermenschen deklarierend.

    Umso mehr erstaunt es mich, dass sich hier jemand, der von aussen kommt, bei diesen Kirchturmstreitereien so extrem engagiert, und sogar soweit geht, Menschen, die anderer Meinung sind, herabzuwürdigen.

    das sehe ich echt kritisch, deine reaktionäre einstellung, die ihn ins sozialen abseits rücken
    und sein recht für seine meinung zu streiten negiert ist echt antidemokratisch.
    das er subjekten, die seine legitimes wohn und bleiberecht im urland der juden, in judea und samaria gefährden, seine deportation fordern und
    mord und totschlag an den seinen und seinesgleichen, angehörigen seines gemeinwesens legitimieren und gleichzeitig versuchen durch falsche ratschläge sein volk ins meer zu treiben, entschieden entgegentritt ist nur eine logische soziale folge der herabwürdigung durch diese faschisten. sie herabwürdigen kann er nicht wo nichts ist kann nichts weniger sein!

    Ich kann schon verstehen, dass man sich bei den Siedlern wohlfühlen kann: schliesslich sind sie damals auch mit blümchen (oder challot) die Russen vom Flughafen abholen gekommen, um sie zu überzeugen, sich bei ihnen niederzulassen. Das gleiche machen sie mit den Juden aus Mitzoram (oder China), und auch aufrechte Gerim empfangen sie mit offenen Armen – logisch: sie haben ja ein Interesse daran, dass möglichst viele Juden sich ihnen anschliessen, um eine Räumung der Gebiete möglichst unmöglich zu machen.

    es ist nichts verwerfliches daran jüdischen flüchtlingen eine zuflucht in judea zu geben,
    es gibt nichts kritisches daran, sie holen juden nach judea. du aber möchtest diese menschen aus judea treiben, in eine miese strategische position in der sie dann bekwemst von anderen hingemeuchelt werden können, echt asozial von dir, solltest dich schämen und umdenken.

    Ich kann auch verstehen – wenn auch nicht nachvollziehen – dass man sich ein Häuschen im Grünen kauft, auf einem Land, das einem von den Militärbehörden BIS AUF WIDERRUF zur Verfügung gestellt wird – und das folgerichtig viel billiger kommt als im Israelischen Kernland. Ich persönlich würde mir kein Haus auf einem Grund bauen, der mir jederzeit wieder entzogen werden kann…

    judea und samaria ist israelisches kernland, das wusste schon menemptah 12oo bc. du bist nicht auf dem neuesten stand!

    Und aus dieser ganzen Kombination versteht man dann auch die Bitterkeit der Siedler: es geht ihnen ganz existenziell um ihr Häuschen, natürlich speien sie Gift und Galle gegen alle, die ihnen den Grund darunter wieder entziehen könnten.
    die juden in judea und samaria zu siedlern zu brandmarken ist eine soziale abscheulichkeit,
    falsch und menschenverachtend, dort wurden schon
    mitglider meiner familie 1929 massakriert um ihr land zu rauben. dein menschenhass ist maßlos.
    sie sind die fröhlichsten und fleisigsten menschen die mir begegnet sind, offen und gastfreundlich.

    Dieses Gift und Galle speien ist aber kein schöner Anblick. Weder bei Gerim, noch bei den übrigen Siedlern.
    gift und galle speien tust du und deine an land verlierende linke kamerilla, mit samt ihrer arabischimperialistischen mordgierigen
    schützlingen.

    Gerim hätten eine Chance gehabt, einen geschärfteren blick für Achdut zu haben – nicht jeder nimmt sie wahr.
    vor allem die linken anarchisten, die postzionisten linker und charedischer coleur können von achdut keinem das wasser reichen.

  12. mike hammer says:

    #A.mOr
    woher wusstest du was ich schreiben werde :?:
    lol :D

  13. Noa,

    “Ich bin mir sicher, dass sie mich freiwillig begleited haetten auf dem Weg nach Auschwitz…”

    ich finde ehrlich gesagt den Satz des Rabbiners etwas komisch. Warum sollte jemand freiwillig in seinen Tod gehen? Jeder sollte alles daran setzen zu ueberleben. Das Judentum kennt nur drei Faelle, wo ein ‘freiwilliger’ Maertyrertod ueberhaupt in Frage kommt, und die freundliche Aufforderung eines Nazisoldaten, doch bitte in die Gaskammer zu gehen, gehoeren nicht dazu.

    “Welchen Sinn hat das, wenn nach mir das Judentum wieder aufhoert?”

    Sorry, ich wollte nicht mit meinem Enthusiasmus ueber das Aufbauen einer juedischen Familie dir Schmerz zufuegen. Falls dir das etwas hilft: Jeder hat seine Rolle und seinen Platz!

    Gruesse und gute Rueckkehr. Und das hier kann ich auch nur unterstuetzen:

    “Ich habe das GEfuehl, erst jetzt zu”leben”.”

  14. Julia,

    herzlich willkommen! Brucha HaBa’ah! Na dann koenntest du dir doch auch ueberlegen, ob du nicht hier deine Artikel reinstellen moechtest?

  15. Mara,

    “der “Schabbat-Modus”! Richtig klasse!”

    Find ich auch ;)

  16. Ja, Mike, weiss was er schreibt.

  17. Fraglich,

    “wenn man von aussen kommt, dann hat man erst einmal den Vorteil, dass man den Blick auf das Ganze hat und nicht bei jeder Kirchturmstreiterei mitmachen muss.”

    Keine Ahnung wen oder was du damit meinst? Ich bin derjenige der von aussen kam? Oder du? Als jemand der in Israel und Deutschland lebte und die deutsche und juedische Gesellschaft a bissl kannte, bevor er sich zu etwas entschied, denke ich schon, dass ich auch a bissl “Blick auf das Ganze hatte”.

    “Umso mehr erstaunt es mich, dass sich hier jemand, der von aussen kommt, bei diesen Kirchturmstreitereien so extrem engagiert, und sogar soweit geht, Menschen, die anderer Meinung sind, herabzuwürdigen.”

    Warum Kirchturm? Meinst du ich waere ein christlicher Maulwurf? ;) Was erstaunt dich daran. Aus ideologisch, juedischen Gruenden entschloss ich mich mein Leben so zu leben, wie es heute tue, warum sollte ich mich dann nicht auch viel mit juedischer Halacha, Religion, Philosophie und Ideologie befassen? Womit sonst? Mit Hinduismus?

    “Ich kann schon verstehen, dass man sich bei den Siedlern wohlfühlen kann: schliesslich sind sie damals auch mit blümchen (oder challot) die Russen vom Flughafen abholen gekommen, um sie zu überzeugen, sich bei ihnen niederzulassen.”

    Sind halt nette Leute.

    “Das gleiche machen sie mit den Juden aus Mitzoram (oder China), und auch aufrechte Gerim empfangen sie mit offenen Armen – logisch: sie haben ja ein Interesse daran, dass möglichst viele Juden sich ihnen anschliessen, um eine Räumung der Gebiete möglichst unmöglich zu machen.”

    Diese simple Denkrichtung findet man auch bei linken, saekularen Israelis immer wieder: Wenn Religioese unbestreitlich lieb, empfangend und konstruktiv sind, dann sind sie nicht einfach so, oder folgen den richtigen Werten, der richtigen menschlich-juedischen Erziehung etc., sondern sie haben nur einen fiesen, hinterhaeltigen Plan – sie wollen alles mit ihresgleichen ueberfluten und alles unter den Nagel reissen etc. … Und uebrigens: Was waere genau so schlimm daran?

    “Ich kann auch verstehen – wenn auch nicht nachvollziehen – dass man sich ein Häuschen im Grünen kauft, auf einem Land, das einem von den Militärbehörden BIS AUF WIDERRUF zur Verfügung gestellt wird – und das folgerichtig viel billiger kommt als im Israelischen Kernland.”

    Also ich hatte mal versucht mir so ein “Haeuschen im Gruenen” – besser: Braunen – zu kaufen, aber alleinen ein kleines Grundstueck ist in den Siedlungen um Jerusalem mittlerweile so teuer, dass man es besser bleiben laesst, oder gleich an eine Wohung in Jerusalem denkt, wenn man die Spritkosten und Abgeschnittenheit in den meisten Siedlungen mit einberechnet. Im Negev und in Galilae oder auf dem Golan gibt’s Sachen oft viel billiger als z.B. in Gush Etzion.

    “Und aus dieser ganzen Kombination versteht man dann auch die Bitterkeit der Siedler: es geht ihnen ganz existenziell um ihr Häuschen, natürlich speien sie Gift und Galle gegen alle, die ihnen den Grund darunter wieder entziehen könnten.”

    “Bitterkeit”? “Gift und Galle”? Wo hast du denn sowas erlebt?

    “Dieses Gift und Galle speien ist aber kein schöner Anblick. Weder bei Gerim, noch bei den übrigen Siedlern.”

    Bei keinem Menschen, oder?

    “Gerim hätten eine Chance gehabt, einen geschärfteren blick für Achdut zu haben – nicht jeder nimmt sie wahr.”

    Oij, ich haette ein ‘guter Jude’ sein koennen, wenn ich das Judentum negiert haette, mich links-Hellenisten anschliessen wuerde und ueberall Forderungen zur moeglichst schnellen Vernichtung des juedischen Staates stellen wuerde? Sorry, dass ich dann wohl kein ‘guter, saekularer, linker Ger’ bin.

    Und zur Info: In Israel sind die von mir wiedergebeben Meinungen nach Umfragen dicker Mainstream und keine Randgruppe. Die Chaoten, die in Tel Aviv Banken zerschmeissen, die sich den islamisischen Terroristen anschliessen, oder extreme Charedim und Chassidim, die Volk, Land und letztendlich auch Torah den Ruecken kehren, sollten vielleicht eher ueber Achdut nachdenken, aber du hast insofern recht, dass man damit immer bei sich selbst anfangen sollte um es weiter voranzubringen. Wander doch nach Israel ein und vielleicht kommen wir mit der Achdut ein Stueck weiter?

  18. Rainer Lang says:

    @Uli.

    “Julia, herzlich willkommen! Brucha HaBa’ah! Na dann koenntest du dir doch auch ueberlegen, ob du nicht hier deine Artikel reinstellen moechtest?”

    dabei kann ich dich nur unterstützen. Juli, bitte stelle deine Artikel bei uns zusätzlich ein!

  19. Fraglich says:

    Warum soll ich nach Israel einwandern? Bist du der Meinung, dass der Rest Welt im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen Judenfrei gemacht werden soll?

    Ich finde, man hat als Jude auch in der Diaspora seine Existenzberechtigung, und auch ein religiöses jüdisches Leben lässt sich dort durchaus führen.

  20. “Warum soll ich nach Israel einwandern? Bist du der Meinung, dass der Rest Welt im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen Judenfrei gemacht werden soll?”

    Ich denke, die Torah ist der Meinung. “Judenfrei” braucht man da gar nichts machen, nur Juden daran erinnern, dass Ihr zu Hause in Israel ist.

    “Ich finde, man hat als Jude auch in der Diaspora seine Existenzberechtigung,”

    Die hat man ueberall, oder nicht, selbst Nichtjuden, oder nicht?

    “…und auch ein religiöses jüdisches Leben lässt sich dort durchaus führen.”

    Es “laesst sich” sicherlich auch irgendwie am Nordpol oder auf einer einsamen Insel in der Karibik fuehren, aber eine ganze Stange von Geboten kann man nun mal nur in Israel vollfuehren , ganz zu schweigen von dem Gebot in Israel zu leben und davon dass im Prinzip wirkliches juedisch-orthodoxes Leben im groesseren Stil ausser in den USA, Kandana, Grossbritannien, Frankreich und hier und da noch a bissl, ausserhalb von Israel nicht mehr existiert und auch weiter eingeht (ja sicher, moegen ein paar ‘liberale’ oder halbchristliche Abspaltungen hier und da voruebergehend grossen Zulauf finden, denn der Mensch lebt ja bekanntlich nicht vom Brot allein), waehrend es hier blueht und staendig zu neuen Hoehen aufsteigt.

  21. Julia says:

    Danke A.mOr.

    Dort, wo ich mich niederlassen werde,gibt es keine “europäische Rotationsbürger”.
    Es ist eine kleine idillische Ortschaft und ich freue mich jetzt schon auf den eigenen Gemüse- und Obstgarten, das Fischen, das Malen in der Natur und die Wandertouren in die Gegend und dennoch nahe einer grossen Kulturstadt.

  22. Julia says:

    @Fraglich:
    Ich kann Ulrich in allem, was er geschireben hat nur beipfichten.

    Warum gerade die Juden nicht aus ihrer so dramatischen Geschichte nicht lernen wollen, begreife ich schlichtweg nicht. Es wird für sie zunehmend ungemütlicher und enger in Europa, vor allem für religöse Juden, die durch ihre Kleidung erkennbar sind. Skaninavische Juden haben es zu hören bekommen, dass für ihre Sicherheit nicht mehr garantiert werden kann. “Einzelfälle” wie in Frankreich sind ein deutliches Signal. Nur zu trotzen und zu zeigen, sei was es sei, wir bleiben, ist hirnlos.
    Tatsache ist, dass Israel die wahre Heimat der Juden aus aller Welt ist.

    Es steht dir doch frei, dort zu bleiben, wo du bist, wenn du dich so wohl dort fühlst, aber kritisiere nicht andere, die sich für Israel sich entschieden haben. Jeder muss selber wissen, sagen wir, was er tut und wie es am besten für ihn ist.

    Ich habe für Ulrich und Noa die höchste Achtung für ihre Entscheidung.

    Die Juden, zumindest in der Schweiz, führen ein pseudo jüdisches Leben und bestimmt auch in Deutschland und sonst anderswo in Europa oder gar USA. Sie fühlen sich seit je als Fremde in dem Land, in dem sie geboren wurden, weil sie stets als solche betrachtet und behandelt werden.

    Was hast du gegen die Siedler? Dir haben sie ja doch nichts weggenommen.

  23. Hans Osmers says:

    Danke für diesen wirklich guten Beitrag.
    Hilft er mir, als Goi in Deutschland, doch sehr, mehr über das Judentum zu verstehen.

    Ich finde es sehr bedauerlich, daß das jüdische Leben in Deutschland so wenig verbreitet ist, da ich es, auch aus kultureller Sicht, als eine Bereicherung für uns alle sehe.

    Und ganz wichtig finde ich, daß Ihr Euren Glauben so gut und authentisch lebt – ich möchte sagen: besser als die Mehrheit der Christen z.B., zu denen ich gehöre, hier in Deutschland.

    Shalom und G’ttes Segen mit Euch und Israel!

  24. A.mOr says:

    mike,
    ich kenn Dein Hammerherz!
    Toda raba! :D

    Julia,
    Du machst mich ein wenig leidend! ;)
    Soll Dir alles gut gelingen, was Du Dir vornimmst!

  25. Fraglich says:

    Ich kritisiere nicht andere, weil sie sich für Israel entschieden haben. da hast du anscheinend nicht richtig mitgelesen. Nicht ich habe Ulrich aufgefordert, aus israel wegzuziehen, er hat mich aufgefordert, nach Israel hinzuziehen. er ist anscheinend so sehr von Missionsgeist beseelt, dass er es kaum aushalten kann, wenn Juden NICHT in Israel leben.

    Wenn du findest, dir gefällt es dort besser, Julia, labriut, ziehe hin. Aber stelle keine Theorien auf, dass man als Jude ausserhalb von Israel nicht leben kann. Das hat nun schon 2000 Jahre lang funktioniert.

    Ich persönlich empfinde es als kulturelle Verarmung, wenn die verschiedenen Traditionen in den verschiedenen Ländern nicht aufrecht erhalten werden.

    Ich fordere niemanden auf, sich der Vielfalt der Galut zu opfern, wenn es ihm in Israel besser gefällt. Aber ich finde es engstirnig, wenn man mir erzählt, dass man als Jude unbedingt in Israel leben muss. – zumal die gleichen Milieus sich ja auch nicht unbedingt für Vielfalt der Kulturen und der Meinungen in Israel einsetzen (Siehe diesen Blog).

  26. A.mOr says:

    Zwar fern von irgend Heimat, aber ich möchte mikes und ulis Entegegnungen an fraglich befürworten.

  27. A.mOr says:

    Ente-gegnungen :lol:
    scusi :oops:

  28. velvl says:

    wenn uli schon von sich aus, klartext reden, so moechte ich auch was dazu schreiben.

    ich kann mir zwei reaktionen von juden auf diesen artikel vorstellen. die eine “ist doch alles ok” und die andere “was glaubst du wer du bist um mich zurechtzuweisen?!”.

    die erste reaktion stammt von den menschen, die an eine aufrichtigkeit glauben bzw. von einer ausgehen oder einem ger das gefuehl geben wollen “dazuzugehoeren”.

    die zweite gruppe dagegen… tja, die sollte sich fragen ob ihre kinder und spaetestend enkelkinder juden sein werden. DENN ulis kinder und enkelkinder und urenkel usw. werden juden sein. und sie werden ganz bestimmt juedischer sein, als die kinder der zweiten gruppe. und denen wird schon keiner sagen koennen “ger! klappe halten!”.

    ich habe ulrich persoenlich kennengelernt. wir haben mit unseren frauen und kinder haben mal picknick gemacht. und leute er ist juedisch, genau so juedisch, wie ich. und wenn nicht sein name, so waere ich mit meinen sehr guten menschenkenntnissen, NIE auf die idee gekommen, dass er nicht als jude geboren wurde. ich weiss nicht ob ich an seiner stelle den mut gehabt haette meinen namen zu aendern. ulrich dagegen bezeugt damit, dass er keine minderwertikeitskomplexe oder angst vor seiner vergangenheit hat.

    man sagt, dass die gerim schon bei der geburt juedische seelen besitzen und es ihr schicksal ist zu konvertieren.

    diejenigen juden, welche ein problem damit haben, haben in erster linie ein problem mit sich selbst.

    was nichtjuden ueber ulrich denken, ist mir egal. aber jeder jude, der kritik uebt, unterschreibt unausweichlich ein armutszeugnis.

    shabbat shalom!

  29. juergen says:

    @ Ulrich,
    Du kennst die Geschichte von Hillel mit dem Mann der fragt, ob er Ihm die essentials des Jüdischeins erklären kann, so lange er auf einem Bein stehen kann? (bin mir sicher, du kennst sie….)

    Direkte und zugegeben persönliche Frage, bei der ich Verständnis hätte, wenn sie unbeantwortet bliebe, die mich aber brennend interessieren würde:
    Was war Dein Beweggrund zur Konversion? Nicht die vielen guten Gründe, die dann so im Laufe der Zeit dazu kamen sondern der Erste, sozusagen das primum movens? Ich meine – du warst doch gelernter DDR-Bürger oder kamst zumindestens aus einer Familie solcher Sozialisation. Es stellen sich also eigentlich zwei Fragen: 1. warum Religion und 2. wenn 1. warun Judentum.

    Denk dran : EIN BEIN…. ;-)

    Und wenn du nicht willst – lösch meine Frage einfach, ich hätte Verständnis. Gut Shabbes

  30. A.mOr says:

    velvl, schöner Kommentar.
    schabbes.

  31. A.mOr says:

    Hans Osmers,
    schöner Kommentar von christlicher Seite, freut mich zu lesen, daß auch von dort Unbefangenheit möglich ist.

    Fraglich,
    „…er ist anscheinend so sehr von Missionsgeist beseelt…“
    Eine Unverschämtheit! Angesichts unzähliger ermordeter Juden aufgrund dem „Missionarsgeist“ von zu vielen Christen und Moslems in den letzten rund 1500 Jahren ist diese Unterstellung dabei nochmal besonders perfide.

  32. codinenc says:

    Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschliessen, ein sehr schöner Text, Ulrich, er könnte gerne auch noch ausführlicher sein – es wäre für mich bspw. interessant zu erfahren, wie du zum Judentum gefunden hast? Juergen hat das besser formuliert.

    Noa, Vevl, sehr gute, berührende Kommentare. Ansonsten schliesse ich mich den Wünschen von A.m0r und Rainer Lang an und wünsche dir, Julia alles Gute in der neuen, alten Heimat. Bleib uns erhalten. Shabbat Shalom.

  33. Rainer Lang says:

    wie auf Bestellung Artikel von Henryk zum Thema, der hier sicherlich aufgrund seiner säkulären Ausrichtung keine Begeisterungsstürme auslösen wird, aber dennoch interessant und aufschlussreich ist:
    http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/religion-zur-hoelle-mit-den-konvertiten/1038280.html

  34. Joachim says:

    @Rainer Lang.
    Henryk m.Broder bringt einige wichtige Dinge auf den Punkt. In Deutschland hat man ein, vorsichtig ausgedrückt, etwas neurotisches Verhältnis zum Judentum.

    Deutsch-jüdische Dichter und Denker vom A wie Hannah Ahrendt bis Z wie Stefan Zweig haben mich persönlich sehr stark beeinflusst und mein Denken aus einigen festgefahrenen deutschen Schienen geholt.

    Deshalb muss ich selbst nicht konvertieren, aber es ist eine wunderbare Horizonterweiterung.

  35. Julia says:

    Lieber Rainer,
    In Rumänien erzähle man gern (wohl unter den Christen) eine Anekdote: Ein Jude, um dem Hass und der Verachtung seiner christlichen Mitbürgern zu entgehen, entschied sich zum Christentum zu konvertieren. Was einen zu einem guten Christ macht lehrte ihn der Pfarrer und unter anderem, dass er freitags niemals Fleisch essen darf, sondern Fisch. Eines Freitags kommt der Pfarrer zu seinem neuen Schäfchen zu Mttagszeit zum Besuch, um sich persölich dovon zu vergewissern, dass sein neues Schäfchen sich an diesem Gebot halte, und was sieht er zu seinem Entsetzen: Der frisch gebackene Christ ass gerade Gansbraten. “Aber, mein Sohn, hasst du schon vergessen, dass du als Christ freitags niemals eine andere Sorte Fleisch als Fisch essen darfst?” “Selbstverständlich habe ich es nicht vergessen, Herr Pfarrer. So habe ich meiner Gans gesagt: ‘Gans warst du, nun bist du Fisch!’ Ich habe sie einfach getauft, nun ist sie ein Fisch.”

    Ach ja, das mit dem Schreiben in diesem Blog war wohl ein Missverständnis. Uli glaubte im ersten Moment, ich komme nach Israel. Über das Leben der Juden aus Rumänien glaube ich kaum, dass jemand von euch sich besonders interessiert, und über die Rumänen um so weniger.

    Aber wie auch immer, ich bleibe dem Aro1 auf meine Weise weiterhin treu.

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