Ulrich J. Becker, Jerusalem, 11. Nissan 5772

 

Dies ist der Versuch einen pseudophilosophischen Kommentar zur allgemeinen Weltlage, besonders des Gemuetszustandes des Westens und seiner jungen Generation, insbesondere in Bezug auf Religion, (gruene) Ersatzreligion, ‘soziale’ Proteste, bis hin zum Antisemitismus etc. zu spannen und es alles in einen kurzen Text zu verpacken und ein Hauch von Serioesitaet zu behalten. 

 

 

Und los:

Ueber Europa und Amerika fegte, bzw. zieht immer noch, eine Welle von ‘sozialen’ Protesten von meist unreligioesen, jungen Menschen, die sich entschliessen, fuer irgendetwas – was sie meist nicht genau definieren koenen – aufzustehen und teilweise ordentliche Randale machen oder zumindest lautstark ihre tiefe ‘Verzweiflung’ herauszubruellen.

Auch Israel bekam ein paar leichtere Brisen dieses westlichen Luftablassens ab und was zur gleichen Zeit in der arabischen Welt abging, glich schon einem todbringenden Tornado.

Ich denke, dass in der Tat etwas diese Dinge verbindet und dass es nicht gerade erbaulich ist:

Ich ‘fuehlte’ das psychologische Bild der Protestler in Israel, ich verstand in gewissem Sinne ihre – meiner Meinung nach – tiefe saekulare Wut. Ich suchte aber nach mehr Quellen, Statistiken, Studien etc. zum Bild des ‘Protestlers’, der in Form der arabischen Version sogar von TIME zur Person des Jahres 2011 gekuehrt wurde (siehe Bild oben).

Und da kam dieses Interview im israelischen Radio, wo eine Studie vorgestellt wurde, die einmal versuchte, das Wesen, den Hintergrund und das Denken des israelischen Protestlers vom letzten Sommer nachzuvollziehen.

Die Frau, die die Studie leitete – und sorry, aber meine Serioesitaet leidet wohl noch weiter, da ich weder den Namen der Studie im Kopf behalten habe, noch den Namen der Ausfuehrenden – gab an, dass sie sich teilweise mit den Zielen der Proteste fuer ‘soziale Gerechtigkeit’ identifizieren konnte, aber dennoch an keinerlei Protesten oder Aktivitaeten teilnahm und sich dann etwas wissenschaftlicher fragte: ‘Warum nicht?’ Oder besser: Was veranlasst Menschen es doch zu tun? Wie unterscheiden sie sich von anderen? Was treibt diese jetzige Welle der Protestler an?

Ich denke die Ergebnisse werden viele ueberraschen, und ich fuehlte mich durch ihre Deutlichkeit bestaetigt:

 

Nicht das Loch im Geldbeutel, sondern das Loch in der Identitaet…

Die Studie fand heraus, dass die Protestler in keinster Weise aus der ganz armen unteren Schicht der Gesellschaft stammten, wie manche den Slogans nach haetten vermuten koennen. Ja, sie kamen nicht mal aus der weiteren ‘unteren’ sozialoekonomischen Schicht. Sie stellte weiterhin fest, dass die Protestler im ganzen ‘ganz normale’ Leute waren und in fast allem dem Grossteil der Gesellschaft glichen – auch im Geldbeutel. Es gab nur zwei Punkte, wo ein scharfer Unterschied festgestellt werden konnte:

Zum einen zeichnete sich ‘der Protestler’ durch einen ueberdurchschnittlich hohen Grad des Glaubens an eine Art ‘Verschwoerung der Oberen’ aus: Ein psychisches Bild, dass sich selbst als Spielball von uebermaechtigen Eliten versteht, ein passiver Mensch, von den Wellen des Lebens getrieben, ein Blaettchen im Wind der Maechtigen, die alles und jeden kontrollieren und die er in seiner ‘Verzweiflung’ so herausfordert und versucht aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Der zweite Punkt ist meiner Meinung nach auch eng mit dem Ersten verwandt, aber urteilt selbst: Der Protestler zeichnete sich im weiteren deutlich ueberdurchschnittlich dadurch aus, dass er in seinem Leben keinen weiteren, hoeheren Sinn erkennt. Sprich, er haengt nicht einer, auf Generationen ausgerichteten Religion oder Ideologie wie dem Judentum, an, noch lebte er um seinen Kindern eine bessere Zukunft zu verschaffen, noch mit einem nationalen geschichtlichen Epos, noch mit einer sektierenden Welteroberungsphantasie oder aehnlichem… Er lebte im Eigentlichen fuer sich allein, fuer das einmal hier und jetzt.

 

Und hier kommt jetzt meine Interpretation ins Spiel:

Es sollte hiernach also ziemlich klar sein, warum so wenig Religioese bei den Protesten dabei waren, obwohl sie ein sehr schwer arbeitender – und nicht gerade der reichste – Teil der israelischen Gesellschaft sind: Sie glauben weder an die Verschwoerungstheorien ‘der Maechtigen’, noch sehen sie sich vor einem sinnleeren und egozentrischen Leben. Im Gegenteil: Sie sehen sich als Teil eines Ganzen – historisch, sozial, geographisch, ethisch, national, etc.. Und das Judentum hat vor allem eine Sicht aufs Leben, das jedem Individuum eine schwere Verantwortung und auch eine schwere Beeinflussungsgabe des eigenen Lebens und der Welt zuspricht. Er ist der aktive Akteur, der nicht wie ein Blatt im Wind die Zeiten und die Geschichte ueber sich ergehen lassen soll, sondern aufstehen, verbessern, ranklotzen, kreieren.

 

Auf der anderen Seite aber steht eine Generation, die ich eine saekulare, vom Sozialismus und falschen Liberalismus  gezeichnete bis desillusionierte Generation nennen moechte, die voller Neid und Wut gegen alles da steht, das hat, was sie nicht hat: Ein intaktes Selbstbild, einen Platz in der Welt und Geschichte, ein Gefuehl des Glueckes, einen Ausblick auf die Zukunft, ein Gemeinschaftsempfinden und ein aktives Eingreifen in das eigene Schicksal, Vorwaertskommen, Schaffen etc..

 

Und hierzu moechte ich kurz den beruehmten Rav Joseph B. Soloveitchik aus “Der halachische Mensch” (1944) zitieren:

 

Der Unterschied zwischen einem Menschen, der ein reines zufaelliges Exemplar der biologischen Gattung [Mensch] ist [agnostischer Relativist], und einem Manne Gottes [der Halacha], ist, dass der erstere sich durch Passivitaet, der letztere sich durch Aktivitaet und Schoepfungsgeist auszeichnet. Der Mensch, der ausschliesslich dem Reich des Universalen angehoert ist passiv bis ins Extrem – er kreiert nichts.

 

Von Ken FM, ueber die gruene Religion, Occupy Wall Street, die israelischen Protestler im Sommer und sogar die arabischen gewalttaetigen Massen des ‘Fruehlings’ bei ihnen etc. – sie alle haben etwas gemeinsam: Sie wollen sich vor allem in der Identitaet und dem Selbstbild wieder irgendwo ‘zu Hause’ fuehlen. Ein warmes Nest, dass ihnen eigentlich der Sozialismus und der universale Relativismus nahm, fuer deren Abwesenheit sie jetzt aber den klassischen Westen, den ‘Kapitalismus’ und nicht zuletzt ‘den Juden’ schuldig machen.

Und in gewissem Sinne haben sie bei uns Recht: Das Judentum steht gegen ihren Traum vom geschuetzten vor sich Hindaemmern. Es ist gegen ihre Kuschelromantik eines geschlossenen, hierarchischen Systems, wohin alle ihre Wuensche fuehren, wenn man sie zu Ende denkt:

Was wollen die jungen Leute auf den Strassen von Spanien ueber Tunesien bis nach Israel? Was fehlt ihnen? Sie sind reicher und satter als der Durchschnitt. Warum also?

 

Die Gefahr der ‘Zero-Angst-Gesellschaft’

Sie wollen ein Ende der Angst. Der ganz privaten Ueberlebensangst. Sie wollen ein warmes Plaetzchen im Kopf, auf dem sie sich ausruhen koennen, in der riesigen gaehnenden Leere, die nach dem Scheitern des Sozialismus uebrig geblieben ist. Und ich meine das sowohl mental als auch materiell. Was fordern denn diese Leute?

Ich erinnere mich besonders eindruecklich an eine spanische Protestlerin, die forderte, dass alle Arbeit haben sollen und vor allem, dass das Studium nichts kostet und sie Geld bekommt um einmal im Jahr ordentlich Urlaub zu machen.

Oder Frau Wagenknecht, die so eine Art Halbtagswoche fuer alle moechte, wo das Leben ein grosser vom Staat beaufsichtigter Freizeitspass ist, der ab und zu von kleinen Arbeiten unterbrochen wird, fuer die man sowieso Geld bekommt, egal wie gut oder schlecht man sie macht.

Sie wollen ein Ende des Leistungsdrucks, ein Ende des Lebensrisikos und eine grosse schuetzende  Hand und so wenig wie moeglich Eigenverantwortung. Dafuer fehlt ihnen das Selbstvertrauen, die Sicherheit und der Ethos des selbststaendigen, unabhaengigen Menschen.

Aehnliche Forderungen konnte man auch in Israel finden, die alle mehr oder weniger – wenn ich es etwas zuspitze – sagten: Der Staat ist dafuer verantwortlich, dass ich mich vor nichts zu fuerchten habe, keinerlei Risiken eingehen muss und dass ich jeden Quatsch studieren kann, reisen und auf dem Bauch liegen, so viel ich will, und alles machen, waehrend er immer noch dafuer sorgen muss, dass ich nie in die Gefahr einer Bauchlandung komme und die eventuellen schweren Konsequenzen einer miserablen Lebensplanung zu tragen habe.

Sie wollen ein System, wo sich niemand private Sorgen machen muss, wo sich alles schliesst, man keine Angst vor nichts haben muss und sich passiv in den staatlichen Mutterkuchen zurueckziehen kann. Und zu all dem wollen sie auch noch gesellschaftliche Anerkennung bzw. keine gesellschaftliche oder moralische Verurteilung fuer dieses Prinzip. Sprich, es muss Ersatzanerkennungsmechanismen geben und im Endeffekt, auch etwas, was aufpasst, dass niemand diesen romantischen anti-Wettkampf-Mutterkuchen zerstoert.

Aber ohne Risiko des Scheiterns, ohne Angst und die staendige schwere Wahl des Lebens zwischen A und B (und C und D…), verebbt jede erfolgreiche Zivilisation und Gesellschaft ins vor sich Hindaemmern.

 

Und das Gefuehl der gefaehrlichen Ueberlegenheit durch Menschen, die ihr eigenes Glueck meistern, die aktiv ins Weltgeschehen eingreifen und das gegenteilige Prinzip vertreten, Dinge wie Selbstverantwortung, Selbstvorwaertskommen, Mehrwert schaffen, sich fortbilden, weiterentwicklen etc. kann sich bei ihnen schnell in Hass verwandeln, durch die moralisch-materielle Gefahr gegen ihr Modell, die sie spuehren. Denn jene sind das genaue Gegenteil vom geschlossenen Kreis-Modell der Linken, Gruenen, Occupy Bewegung etc..

Sie hassen Dinge wie ‘Fortschritt’, ‘Gewinn’, ‘Wachstum’, ‘Zivilisation’. Das sind fuer sie Teufelswoerter. Der Grund allen Uebels und aller ihrer Aengste. Die gruene, hysterische Religion schwebt genau in ihrer Mitte: Demnach ist die einzig wahre, gute Gesellschaft, die der Natur, wo alles so passiert, als waere der Mensch nicht da, wo er ein passiver Zuschauer ist. Eine Welt voller Steine, Pflanzen und Tiere – bevorzugt grausame Eisbaeren – aber ohne Menschen, ragt uns nicht nur aus den Propagandaplakaten dieser gefaehrlichen Sekte entgegen, es ist auch ihr meist selbst noch nicht verstandenes Endziel. Der Mensch, der atmet, ist automatisch ein CO2-Verseucher und gehoert entsorgt in ihrem perfekt ausgeglichenen, autarken Kreissystem des ‘Zero’-Verbrauchs und ‘Zero’-Ueberschuss der Gruenen. Es ist eine Todeserklaerung der Zivilisation und eine bis ins Faschistische gehende Weltvorstellung.

Und ja, ich ziehe den Vergleich, denn noch jemand sehr bekanntes setzte sich leidenschaftlich fuer Autarkie ein, fuer Tierrechte und fuer eine gesunde Ernaehrung und Beziehung zur Natur: Adolf Hitler. Wer einmal im ‘ethischen Kodex’ der SS geblaettert hat, wird wissen, dass sie sich selbst nicht als brutale, wilde Schlaechter und groesste Massenmoerder der Geschichte ansahen, sondern als die ethische Kroenung der Menschheit! Mit den hoechsten Werten, Selbstlosigkeit – ja selbst ein Verbot des reinen Hoerens von Laschon HaRa (Laestern, Hinter dem Ruecken schwatzen), was ich so eigentlich bis jetzt von keinem anderen ethischen System als dem des Judentums kenne. Und Himmler wies in einer Ansprache vor seinen Jungs selbst darauf hin, dass der SS-Recke vor allem aufpassen muss, wenn er Juden ermordet, dass seine ‘ueberaus hohe Moral’ nicht darunter leidet und er im allgemeinen abstumpft, aber dass man es nun einmal tun muss, denn die Juden sind die groessten Feinde und Verschmutzer des Guten und der Welt. Und ich glaube, es waere gut moeglich gewesen, dass Hitler Auschwitz mit Solarzellen auf den Barackendaechern betrieben haette, wenn es diese Entwicklung damals schon gegeben haette – denn man ist doch ein grosser Natur- und Umweltfreund wenn man das Boese aus der Welt schafft…

Dass die Natur uebergrausam ist, kommt ihnen nicht mal nach dem gerissenen Bambi auf National Geographic hoch. Das erbarmungslose Gesetz des Staerkeren, Ungerechtigkeit, Unterdrueckung, Leid und Elend und vor allem nackte Gewalt, Gewalt, Gewalt herrschen in der Natur. Dass sowas als Ideal gelebt und auf menschliche Zustaende uebertragen, gelinde gesagt ‘antisozial’ waere, wollen sie nicht sehen. Ischaijahu sieht als ideale Gesellschaft der Zukunft eine, wo die Natur geaendert wird, wo der Wolf friedlich neben dem Schaefchen liegt (11:6). Er verlangt kein Beschuetzen der ‘perfekten’ Natur und ihres Verlaufs. Hier ist nicht der Mensch der Stoerenfried der romantischen Wiesen-Idylle, die boese Gefahr auf das gute, ewig richtige und heilige Natuerchen. Nein, im Gegenteil: Die Natur ist SCHLECHT und UNPERFEKT und es ist unsere Aufgabe sie zu VERAENDERN, zu VERBESSERN.

Fuer die Gruenen und Linken ist das natuerlich gruene Blasphemie, denn woher wuesste denn der kleine, dumme Mensch, was besser waere, als die ‘weise Mutter Natur’? Und genau deswegen haengen sie dem primitiven ‘Kreis’-Natur-Denken an, weil der Mensch fuer sie nicht mehr wert ist, als ein etwas schlauerer Affe. Im Gegensatz zur Torah, wo wir u.a. ueber die Aufgabe des Menschen lernen: “Erobert die Welt / Machet euch die Welt Untertan” (1:28), was natuerlich bestens in die antisemitischen Gedankenspiele dieser Menschen passt, nur verstehen sie es nicht. Es heisst nicht, die Welt zu vernichten, ‘auszubeuten’ etc., sondern sie dem Menschen gerecht zu nutzen und zu verbessern. So wie auch Adam im Paradies die Anweisung bekommt dies “zu bearbeiten und zu beschuetzen…” (2:15)

 

Juden sind mit die ersten, die der Pseudogeborgenheit der gleichgeschalteten ‘Zero-Angst’ Gesellschaft im Wege stehen. Sie wollen sich einfach nicht in das geschlossene, ungerechte und aufgezwungene System einfinden und haben andere Werte. Die Torah ist fuer aktiven Fortschritt und gegen passives Einfinden in deine ‘Luecke’ in einer hierarchischen, ungerechten Gesellschaft. Nicht von ungefaehr bewundert diese links-gruene Bewegung Indianer, Azteken und alle moeglichen anderen tief-grausamen Wilden vollkommen kritiklos.

Und so richtig kann man sie auch nicht mit ‘liberal’ oder ‘konservativ’, ‘links’ und ‘rechts’ festlegen. Historisch hat einmal ‘die Rechte’ ganz extrem diese Friede-Freude-Wohfuehl-Idylle der geschlossenen Gesellschaft bis auf das Brutalste verfolgt und ‘die Linken’ waren die stoerende Elemente, die sie immer wieder an die Ungerechtigkeit der Wirklichkeit erinnerten und Besserung forderten. Jetzt wollen meist ‘linke’ Stroemungen die Ungerechtigkeit ihres Angst-freien Lebens durchsetzten, auch auf Kosten von Anderen, die selbstverantwortlich durch hohe Risiken und schweres Arbeiten im marktwirtschaftlichen Leben erfolgreich sind.

Von der Piratenpartei, die sich ein sorgenfreies Stehlen von geistigem Eigentum wuenscht, bis zum Oeko, der sich ins Mittelalter zurueckversetzen moechte – es ist eine geistige Reaktion, ein eigentlich anti-liberales Denken, das sich leider in immer mehr Laendern, lauter und lauter Gehoer verschafft und immer wieder schwingt zwei- oder eindeutiger Antisemitismus mit. Und es passt auch nahtlos in die kitschigen ‘Palaestina-Mythen’, die alten ‘Naturmenschen’, die vom modernen, fortschrittlichen und fortschreitenden, ‘kuenstlichen’ Juden bedroht sind (Hier uebrigens ein Artikel ueber gruene Antisemiten.)…

 

Im Ausland ist es schon schlimm, aber vor allem fuer die ‘Protestler’ in Israel wuensche ich mir, dass man ihre anti-gerechten, anti-sozialen und anti-Judentum Wurzeln versteht.

Der frustrierte, verbreitete Atheist mit liberaler, sozialistischer oder pseudosozialistischer Erziehung, kann einem auch etwas wie das ‘frei’, ‘antiautoritaer’ und ‘sinnleere’ erzogene, frustrierte Kind vorkommen:

Es war ‘gut gemeint’, man wollte das Beste, als man ihm sagte, dass er alles entscheidet und alles selbst definiert, dass es keinen Sinn gibt, und schon gar kein ‘Gut und Boese’, nur er im Mittelpunkt der Welt steht etc. – und muss dann am Ende feststellen, dass es diese verwirrende Mischung aus ‘Ignoranz-Toleranz-Desinteresse’ als fehlende Wichtigkeit der eigenen Person und der Welt deutete, und einen ungeheuren Hass aufstauen kann, da ihm nicht einmal Richtlinien gezeigt wurden, mit denen er sich messen oder die er ueberschreiten kann. Er hat keinerlei Orientierung in der rauschenden, uebervollen Welt. Er ist ein verlorenes Kind in einem grossen schwarzen Loch, das nach Halt sucht – und teilt jetzt auch mal Schlaege aus, an alle, die festen Boden unter den Fuessen haben…

 

Sie muessen verstehen, dass es immer Unsicherheiten und Risiken im Leben geben wird, die man mit einem genuegend festen ‘Ausblick’ aufs Leben auch durchleben kann, ohne allen anderen eine Zwangsdiktatur der ‘Sicherheit’ aufzuzwingen.

 



7 Comments to “Der gefaehrliche Wunsch nach der ‘Zero-Angst-Gesellschaft’”

  1. Rainer Lang says:

    Uli, das hast du sehr gut geschrieben!

    Habe den Links zu dem Artikel an mehrere pro-israelische Freunde weitergegeben.

  2. codinenc says:

    Ich kann Rainer hier nur beipflichten, ein grossartiger Text, Ulrich! Das ist nicht pseudophilosophisch, sondern eine Sichtweise auf die Dinge, die ich so ähnlich nur aus der amerikanisch-konservativen Blogosphäre kenne.

    Der Glaube, dass die Gesellschaft dem Individuum etwas schuldet, die weitverbreitete Prämisse, dass jeder, der irgendwie zu etwas gekommen ist, dies nur durch Diebstahl oder Ausbeutung erreicht haben kann und nicht etwa durch Leistung und Verzicht (dies wird zwar nicht so direkt beim Namen genannt, aber man verweist gerne auf die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich, anstatt einmal zu betrachten wieviele Menschen den Sprung von einer Klasse in die nächsthöhere Klasse geschafft haben oder eben umgekehrt). Kombiniert mit dem Irrglauben, dass man selbst aus der eigenen Geschichte gelernt habe und so aufgeklärt wäre, dass man andere (bevorzugt Israelis und Amerikaner) belehren muss, wohingegen man anderen wiederum ihre Untaten nachsehen muss, da diesen unbewusst die Eigenständigkeit abgesprochen wird und sie nur als passiv reagierende Massen dargestellt werden (z.B. darf in keinem Nah-Ost Bericht fehlen, wie es gerade um das Seelengemüt der Palästinenser bestellt ist: Die Palästinenser reagierten bestürzt auf die Äusserungen Gingrichs, die Palästinenser sind so verzweifelt, dass… , … die Lage der Palästinenser…, etc./ Haben Israelis denn keine Sorgen, Befürchtungen, etc?).

    Ganzen Völkern wird indirekt eine Verantwortlichkeit für das eigene Handeln abgesprochen (alles Maulhelden laut GraSScher’ Definition oder Spätnachwirkungen von imperialistischen Kreuzfahrern, Sklaverei und Kolonialismus), – eine wiederum zutiefst rassistisch geprägte Sichtweise.

    Die Bereitschaft, die politische Diskussionskultur zugunsten einer staatlich/medial propagierten Alternativlosigkeit aufzugeben und die Eigenverantwortung für sich und die Familie gegen bequeme Rundumabsicherung einzutauschen ist genau der Stoff, den man benötigt um von der freien Gesellschaft in ein totalitäres System abzugleiten. Staatlich verordnet anstelle von free choice. Jedem sei seine eigene Sichtweise zugestanden, aber was mir in der europäischen Gesellschaft heute fehlt sind eben solche alternativen Betrachtungsweisen auf die Dinge.

    Kann mir eigentlich jemand sagen, wie hohe Vertreter des Judentums die Möglichkeiten, die die Gentechnik bietet, beurteilen? Das würde mich sehr interessieren.

  3. Danke euch beiden und gut zu wissen, dass ich mit diesen Abend nicht umsonst verdorben hab ;)

    Codine: “dass man andere (bevorzugt Israelis und Amerikaner) belehren muss”

    Da kannte ich mal einen netten polnisch-staemmigen amerikanischen Doktoranten an der Humboldt-Uni, der mir in etwa sagte: Ist es nicht komisch: Deutschland hat geschichtlich Mist gebaut, aber anstatt, dass man dies zum Anlass nimmt, moralisch-wertend bescheidener zu sein, nimmt man es zum Anlass zu sagen: ‘Wir haben aus dem Negativen’ gelernt, ihr Juden, Amis etc. aber nicht und jetzt bringen wir euch mal bei, wie man moralisch ist ;) ))

  4. codinenc says:

    Ulrich, Ich glaube es war Broder, der einmal geschrieben hat, dass viele aus der Enkelgeneration der Täter sich heute nicht als solche wahrnimmt, sondern sich als “Bewährungshelfer” der Israelis sehen – die Opfer von damals haben nichts aus der Geschichte gelernt, also wird Auschwitz unbewusst und in pervertierter Form als Besserungsanstalt verstanden…
    Die moralische Bescheidenheit, mit der Deutsche eigentlich auftreten sollten, wird insoweit bedient als das man sich selbst als Opfer stilisiert (als Deutscher darf man Israel ja nicht kritisieren), dann aber mutig mit dem Tabu bricht (am liebsten täglich und obsessiv), um selbstlos gegen das gegenwärtige Unrecht, das den Palästinensern geschieht, vorzugehen. Schon krank das Ganze…

  5. Sven Cena says:

    vielen Dank, lieber Herr Becker, für diese, wie ich finde, brillante Analyse der ganzen infantilen Occupy et al. – Spinner.
    Victor Davis Hanson kommt in einem Interview, geführt von Leon de Winter, zu einer gleichen Schlußfolgerung wie Sie, wenn ich das richtig verstanden habe.

    http://www.welt.de/politik/ausland/article13927825/Neid-bestimmt-in-Amerika-den-Kampf-der-Eliten.html

    Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre Arbeit, welche ich mir als oft ziemlich schwer und frustrierenden vorstelle, weil sich die Menschen sowieso nicht ändern werden. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute! Danke!

  6. Christian says:

    Ulrich, Deine “pseudophilosophischen” Artikel sind einfach so dermaßen gut! Besten Dank, war eine Freude zu lesen.

    Ich denke, was im Moment passiert, ist, dass der Mensch nicht mehr als ‘Typus’ leben kann, bzw. dass der immer schwieriger wird. Also, die Familie hat ausgedient, Kinder nur noch als Kostenfaktor, absolut ehrenwerte Mütter, die hart arbeiten und für ihre Kinder länger als 3 Jahre zu Hause bleiben wollen, gelten nur noch als “nicht auf dem Arbeitsmarkt”. — und das alles in einer hochgradig narzisstischen Gesellschaft mit einer paganisischen Massenpsychose.

    Aber ich möchte Deine Theorie mal vertiefen: Stichwort Gender Mainstreaming. Männer kommen zunehmendst in Europa mit einer Temperierung und Tabuisierung ihrer Männlichkeit (die per se als negativ, dumm, agressiv dargestellt wrid) nicht mehr klar. Nun haben Männer aus ihrere Natur heraus, wie wir geschaffen sind, wir wir ticken, den Drang nach gewisser Macht und nach Herausforderungen. Diesen Kick, der sehr sehr gut sein kann, kann man(n) sich theoretisch auch beim Schachspielen, in der Philosophie, oder in der Religion (wie lassen Islamisten hier jetzt mal außen vor) oder im Glauben holen. Aber wer macht das schon noch?

    Demnach muss dieses Rollenverhalten umgeleitet werden. Der frühere stolze Familienvater rettet heute eben die Welt oder kämpft gegen die “zionistische Weltverschwörung”.

    Hinzu kommt die A-Religiösität und der regelrechte Anti-Theismus. Es gibt Atheisten, die sich den Kick in ihrer Sache holen, und da durchaus sehr feine Leute sind. Aber den meisten gelingt das nicht. Und das ganze wird richtig interessant, wenn man sich das in der breiten Bevölkerung anschaut. Wofür gehen Leute in Europa auf die Straße? Wegen der Rente! Im Humanismus ist man eben selbst der eigene Götze, und da kann man sich, trotz all der netten menschelnden Ideen, nicht herausreflektieren. Und so bekommt z.B. das Renteneintrittsalter einen religiösen Index. Und einen gewaltigen religiösen Druck. G’tt wird *immer* ersetzt.

    Wir haben hier also negative Synergien aus Tabuisierung von Männlichkeit und aus einer säkular-humanistischen Sinnlosigkeit heraus.

    Ich selbst bin ein recht abgehobener Lokalpatriot, evangelikal, und habe das alles nicht. ;-) Meine Sorge ist aber, wie ich eine Ehe starten kann. Weil das hier wirtschaftlich und unter konformistischem Gesellschaftszwang (der dagegen arbeitet) immer schwieriger. Allerspätestens nach den Twenty-Somethings sollte man sich nach Ehe und Familie umschauen, weil es das einzige ist, was in diesem Abschnitt Sinn macht, bzw. vielleicht nicht ganz das einzige, aber das, was am meistem dem Typus “Mensch” entspricht. Und wenn man cool ist, sollte man schon mehr als 2 Kinder haben. (Und sie nicht in sozialistisch-indoktrinierende KiTas stecken.)

    Darüber hinaus, wenn man selbst nicht mehr ist, die eigenen Kinder und die eigenen Enkel, und Urenkel, irgendwann viele viele Jahre später auch nicht mehr sind. Dann macht das alles auch keinen Sinn mehr. Weil alles vergessen ist.

    Deswegen macht das Leben nur mit einem Glauben Sinn, anders ist es nicht möglich.

    Und ich vermute, dass diese Verzweiflung darüber, viele der Kämpfer für die “soziale Gerechtigkeit™” im Bauchgefühl haben aber nicht formulieren können und auch schon gefährlich weit abgestumpft bzw. allein gelassen worden sind. Die christliche (also ein vernünftig biblische-christliche Sicht) Antwort in Europa ist auch nur noch Lifestyle und Wellness und Gemeinden, selbst freie, sind kulturell auch extremst effeminiert. (Was kein Problem wäre, dass Problem ist, dass es so extrem dominierend ist.)

    Ich hoffe, ich habe das Niveau jetzt nicht nach unten gerissen. ;-) Das sind noch sehr unsortierte Gedanken, aber ich wollte auch mal was darüber schreiben.

  7. Christian,

    sorry, hatte eben erst deinen Kommentar in Spam-Delirium gefunden und rausgefischt.

    “Meine Sorge ist aber, wie ich eine Ehe starten kann. Weil das hier wirtschaftlich und unter konformistischem Gesellschaftszwang (der dagegen arbeitet) immer schwieriger. Allerspätestens nach den Twenty-Somethings sollte man sich nach Ehe und Familie umschauen, weil es das einzige ist, was in diesem Abschnitt Sinn macht, bzw. vielleicht nicht ganz das einzige, aber das, was am meistem dem Typus “Mensch” entspricht. Und wenn man cool ist, sollte man schon mehr als 2 Kinder haben. (Und sie nicht in sozialistisch-indoktrinierende KiTas stecken.)

    Darüber hinaus, wenn man selbst nicht mehr ist, die eigenen Kinder und die eigenen Enkel, und Urenkel, irgendwann viele viele Jahre später auch nicht mehr sind. Dann macht das alles auch keinen Sinn mehr. Weil alles vergessen ist.”

    Das Judentum sieht den Menschen erst als ‘vollkommen(er)’ an, wenn er verheiratet ist, und Kinder sind natuerlich auch halachische Pflicht (wenn es geht) und zwar mindestens ein Junge und ein Maedchen.

    Und ich muss sagen, wenn ich mir gealterte Singles auf der einen und Familien – selbst etwas ‘verkorkste’ – ankucke, koennte man hier einige Theorien vorlegen, warum das juedische Konzept eine sehr hilfreiche Position ist ;)

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