Ulrich J. Becker, Jerusalem, 1. Isjar 5772 (Jom HaSikaron)
Wie jedes Jahr, faellt auch diesmal wieder der Jom HaSikaron ueber uns. Wir gedenken der fuer und um den Staat Israel Gestorbenen, die man alle gezaehlt hat – 22.993 Soldaten und 2.477 Zivilisten (gueltig heute). Ihre saemtlichen Namen werden auf einem Fernsehsender mit Kurzinformation und – wenn vorhanden – Foto ausgestrahlt und ueberall kann man persoenliche Reportagen zu den Toten ansehen.
Ich kenne so einen Tag – fuer die Opfer, die fuer das Land ihr Leben liessen – von keinem anderen Land. Und schon gar keinen so intensiven. Vielleicht liegt es daran, das wenige Laender auf der Erde seit ihrer Gruendung so unermuedlich ums jaehrliche Ueberleben zu kaempfen haben wie Israel.
.
.
Aber selbst wenn es Laendern mit so einem besonderen Gedenk- und Trauertag gibt, bezweifle ich, dass er eine dermassen emotionale Relevanz und Verbundenheit vom Grossteil des Volkes hervorruft. – Heute abend war ich kurz in der Stadt als die Zeremonie an der Klagemauer zum Jom HaSikaron auf der heimischen Mattscheibe bereits begonnen hatte. Alles erinnerte an einen Schabbat – ruhig, nur vereinzelte Autos, geschlossene Geschaefte.
Aber selbst wenn es ein anders Volk – wie z.B. das Deutsche – geben wuerde, dass im Verhaeltnis zu seiner Groesse genauso viele Tote betrauern wuerde, wuerde man es nicht so intensiv mitbekommen. Weiss jemand wie viele Menschen fuer das moderne, demokratische Deuschland starben? Oder wie viele deutsche Soldaten in Afghanistan fielen? Kennt jemand ihre Namen und Geschichten? Und wer kennt in Deutschland jemanden, der jemanden in Afghanistan verloren hat?
Wie oft erzaehlen einem Israelis von den Freunden und Freundinnen, die sie durch Kaempfe oder Terror verloren haben? Und selbst wenn wir keine Verluste in der eigenen Familie zu betrauern haben fuehlen wir uns als ein Teil von ihnen und trauern mit – da man halt eine grosse Familie ist. Man will den Namen des Gefallenen, seine Geschichte und Familie kennen lernen. Und so geht dieser Tag eigentlich jeden etwas an.
.
Es ist vor allem der Tag an dem wir ein bisschen zu den richtigen Proportionen im Leben ermahnt werden. Wir verstehen durch all die unendlich tragischen Geschichten, wie gut wir es eigentlich haben, insofern wir noch niemanden sehr Nahes verloren haben, aber eigentlich kennt jeder Israeli irgend einen Freund, Verwandten oder Bekannten, der dem Schwert unserer Feinde zum Opfer fiel. Die Probleme des Alltags werden nichtig. Wir leben, wir sind hier und sind zusammen – nicht durch die gnadenlose Ewigkeit des Todes eines unserer Liebsten, getrennt. Dass alleine sollte uns schon jeden Tag sehr froh machen.
Aber vor allem sollte man die Augen zu den Gefallenen erheben und sich klar machen, dass sie nicht ‘einfach’ ein ‘paar gefallene Soldaten des juedischen Staates’ sind, sondern die zerbrochenen Steine auf denen dieser Staat errichtet werden konnte und seitdem verteidigt wird.
Wir duerfen nicht vergessen, dass unser Israel, dass der juedische Staat, nicht existiert, weil uns alle mochten und so lieb oder gewissensgeplagt waren, und ein paar Papiere unterschrieben, um dem juedischen Volk nach tausenden Jahren von (auch muslimischer) Vertreibung seinen Staat zu ermoeglichen. Nein, Israel waere schon seit Jahrzehnten eine Fussnote der Geschichte, wenn da nicht die lebendendige Mauer unserer jungen Kaempfer, Soldaten und Sicherheitsdienste gewesen waere, die das Land und den Staat mit der Waffe und ihrem Leben verteidigten und noch immer verteidigen. Keine Hoeflichkeiten, Verhandlungen, und Tee trinken, haben Israel aus der Asche gehoben und es seitdem vor fortwaehrenden Angriffen geschuetzt – sondern das Schwert der Verteidigung. Ohne es, gaebe es den Staat und all das hier nicht mehr. Wir duerfen nie vergessen, dass wir diesen Menschen unseren Staat und unser Leben verdanken – so einfach und so richtig. Ohne sie gaebe es das alles hier nicht mehr.
.
.
Die ewige Sorge
Kurz nachdem mein erstgeborener Sohn auf die Welt kam und ich irgendwann danach meinem alten Buchladen in der Schatzstrasse mal einen kleinen Besuch abstattete, fragte mich mein alter Boss halb im Scherz, ob ich schon begonnen hatte, mich zu sorgen? Warum?
Weil auch mein kleiner Spatz irgendwann in die Armee muss und sein Leben in Gefahr kommt. Und meine Antwort war ganz im Ernst und sie ist heute sogar noch mehr als damals: Ja. Ja, ich sorge mich leider bereits jetzt schon – bei einem zweieinhalb Jahre alten suessen Burschen. Auch er wird zu hoher Wahrscheinlichkeit einmal Soldat werden und das verursacht mir jetzt schon Sorgen und Dilemmata…
.
In diesem Sinne hier ein bekannter Satz aus einem Gedicht in Tmol Shilshomvon Schai Agnon:
.
“Eretz Israel wird nur durch [schwere] Qualen gewonnen…”



So bewegend es auch ist, wenn, wie gerade vor 20 Minuten die Sirenen heulen, und (fast) alles für 2 Minuten stillsteht, so wichtig sind auch die alljährlichen Zeremonien in ganz Israel.
Ein Tag nicht nur des Dankes an und der Trauer um die für Israel gefallenen Soldaten und der Trauer um die Opfer des Terrors.
Der Yom HaSikaron ist klares Signal eines ganzen Volkes an die Familien und Freunde der Toten: Wir vergessen euch nicht!
Worte zu Jom HaSikaron.
Heute gedenken wir der Ermordeten, die den Hassern wider Israel und den Menschen zum Opfer wurden.
Heute aber gedenken wir auch dem Leben, denn wären wir nicht schon tot, wenn wir nicht unsere gefallenen Geschwister betrauern würden?
שמע ישראל
שנית מצדה לא תיפול
עם ישראל חי
A.mOr.
http://www.youtube.com/watch?v=XdvGj7HvZzw&feature=related
Ulrich ein sehr einfühlamer und bewegender Artikel. Danke.
Beim lesen kamen mir folgende Gedanken:
Glücklich das Land, das solche opferbereiten Menschen hat.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass jemand erst dann richtig gestorben ist, wenn niemand mehr sich an ihn erinnert. Durch die nationale Erinnerung am Jom HaSikaron verhindert ihr dies und verleiht den Getöteten das ‘Ewige Leben’.
@A.mOr – Eine sehr zutreffende und weise Bemerkung – würdig eines Amora.
Paul, zuviel der Ehre, aber Danke!
‘Ewiges Leben’ verleiht nur der Eine.
Wir aber sollten leben wie in Ewigkeit.