Ulrich J. Becker, Jerusalem, 9. Aw 5772

 

Die Tage des ‘Bein HaMeizrim’, die jaehrlichen drei Wochen der Trauer, die am 17. Tammus begannen und jetzt im den 9. Aw (Tischa BeAw) ihren tragischen Hoehepunkt finden, sind eine besonders empfindliche Zeit fuer das juedische Volk und seinen Staat. Wie Rav Soloveitchik sagte, in dieser Zeit belauert “der Geist des Churban [Zersteorung/Vernichtung] das Land“.

Es war in dieser Zeit – und vor allem am Tischa BeAw, dass… 

 

 

- 9. Aw waehrend des Exodus: die zwoelf Auskundschafter des Landes Israels, Mosche und dem Volke Israel in der Wueste ihren verblendeten, negativen Bericht brachten.

- 9. Aw 586 BCE: der erste Tempel, gebaut unter Schlomo (Salomon) von den Babyloniern und ihren Verbuendeten vernichtet wurde, Jerusalem ausgehungert und mit dem Schwert dahingestreckt, mit abertausenden von Verhungerten, Ermordeten, Vergewaltigten, Versklavten etc. – oder wie Eicha sagt:

“Versuendigt hat sich Jerusalem … Festgeknuepft ist das Joch meiner Missetaten von seiner Hand, verflochten stieg es meinem Nacken hinan, laehmt meine Kraft. So gab der Herr mich in die Haende, dass ich mich nicht aufrichten kann. Niedertritt all meine Starken der Herr in meiner Mitte, er ladet gegen mich zum Fest, dass sie zermalmen meine Juenglinge. … Zerstoert hat der Ewige schonungslos all die Wohnungen Jaakob’s [Israels], niedergerissen in seinem Grimme die Festen der Tochter Jehudah, der Erde gleichgemacht, entweiht das Reich und seine Fuersten … Der Herr ist gleich einem Feinde geworden … Es vergehen in Traenen meine Augen, es gluehen meine Eingeweide, verschuettet zur Erde ist meine Leber, ob dem Sturze der Tochter meines Volkes, wenn ohnmaechtig verschmachten Kind und Saeugling in den Strassen der Stadt. … Sie reissen gegen dich den Mund auf all deine Feinde, zischen und knirschen mit den Zaehnen, sprechen: ‘Wir haben sie verschlungen. Ha, dies ist der Tag, den wir erhofft, wir haben ihn erreicht, erlebt!’ … Gluecklicher sind die unter dem Schwerte Gefallenen, als die durch Hunger gefallenen, … Die Haende liebevoller Frauen kochten ihre Kinder, ein Mahl waren sie ihnen beim, Untergang der Tochter meines Volkes…  Schneller waren unsere Verfolger, als die Adler des Himmels; auf den Bergen jagten sie uns, un den Wuesten lauerten sie uns auf. … Waisen sind wir, vaterlos, unsere Muetter gleichen Witwen. Unser Wasser trinken wir fuer Geld, unser Holz erlangen wir fuer Kaufpreis. Dicht an unserem Nacken werden wir verfolgt, wir sind muede, und keine Rast wird uns.”

- 70 BCE: der zweite Tempel von den Roemer unter Titus vernichtet und sehr, sehr aehnliche grausame Szenen von Josephus berichtet werden. Hier hatte ich einige davon zitiert. Nach Josephus muessen Millionen ermordert bis verhundert sein.

-  9. Aw 132 BCE: Die Roemer schlagen den grossen juedischen Bar Kochba Aufstand nieder und vernichten die Rebellenhochburg Beitar (bei Jerusalem) und toeten mehr als 100.000 Juden.

- 9. Aw 1096 CE: Der erste Kreuzzug beginnt offiziell am 9. Aw – 10.000 Juden werden allein im ersten Monat in Frankreich und Deutschland ermordet. Das europaeische, aschkenasische Judentum wird Jahrhunderte brauchen, um sich von diesen Massakern zu ‘erholen’ und ist fuer immer veraendert. Viele Ueberlieferungen und uralte Braeuche gehen fuer immer verloren.

- 9. Aw 1290 CE: Alle Juden werden aus Englang vertrieben.

- 9. Aw 1492 CE: Alle Juden werden aus Spanien vertrieben.

- 9. Aw 1914 CE: Der erste Weltkrieg bricht aus…

- 9. Aw 1994 CE: Iran und Hisb’Allah zuenden eine 275kg Autobombe vor der juedische Gemeinde in Buenos Aires und toeten ueber 80, verletzen mehr als 300.

 

Der letzte Anschlag in Burgas faellt in die ‘drei Wochen’, genau wie die letzte Welle von Brandstiftungen in Israel, die zu riesigem Sachschaden und zig leicht bis mittelschwer Verletzten fuehrte. Jedijot Achronoth berichtete in seiner Freitags Druckausgabe von Hunderten Brandstiftungen in den letzten Monaten durch islamistische Araber mit dem Ziel Juden zu schaden und zu toeten, waehrend sie teilweise direkt Anweisungen und Motivationen von El Kaida erhalten. Ein Dschihaddist aus einem El Kaida Forum weisst z.B. so seine ‘Brueder in Palaestina’ an:

 

“An unsere Volkssoehne im besetzten Palaestina: Verbrennt den Boden unter den Fuessen der zionistischen Besatzer. Diese Braende erschlappen die zionistische Entitaet, und wir sehen wir schwach die Zionisten sind – schwaecher noch als Spinnennetzte [ein Verweis auf Nasrallahs Bild von Israel als Spinnenetzt, das gross aussieht, aber leicht zu zerstoeren ist]. Verbrennt den Boden unter ihren Fuessen und bringt sie dazu ihre Anstrengungen zu verteilen: Waehrend sie ein Feuer loeschen, zuendet ein anderes an. Es gibt viele Waelder und viele Ziele. …”

 

Die Zeiten aendern sich insofern nicht, dass es unsere Hasser und Vernichter immer in Fuelle gibt, die Frage ist, was wir daraus machen. Halten wir zusammen, erinnern wir uns an unsere Werte, Torah, sind wir geeint im Innern und nehmen den Kampft nach aussen auf und siegen, oder sind wir zerstritten, zerfleischen uns im Innern und werden zur leichten genozidalen Beute fuer die antisemitischen Hyaenenscharen da draussen, die keinen groesseren Wunsch haben, als uns so wie zum Fall beider Tempel oder im Holocaust zu sehen, ihnen ausgeliefert und Elemente eines Gemetzels und unendlichen Leids…

Es liegt an uns, dass das nie wieder vorkommt.

 

“Fuehr’ uns zurueck, Ewiger, zu dir, und wir wollen zurueckkehren; verjuenge unsere Tage wie vormals…” (Eicha, 5, 21)

 

 

 

Uebrigens eines der bedeutensten Elemente dieses Tages, ist es ueber diese Dinge zu reflektieren und das hat denke ich jeder ‘erfuellt’, der gerade den Artikel las.

Und wer weiter lesen will, hier der Artikel vom letzten Jahr:

 

Ulrich J. Becker, Jerusalem, 4. Aw 5771

 
Ich haette fast schon aus Zeitmangel nix Neues zu Tischa BeAw geschrieben, bzw. – da in der Zwischenzeit noch kein neuer Tempel gebaut wurde – meinem Artikel vom letzten Jahr wieder reingestellt.
Aber Dank der fleissigen Uebersetzungsarbeit von Renate kann ich jetzt hier ein Stueck mit wenigen Kuerzungen reinstellen, was mir sehr am Herzen liegt: Eine Zusammenfassung einer Schiur (Vorlesung) von Rav Soloveitchik (einer der groessten orthodoxen Rabbiner des 20. Jhd., wenn nicht gar der Herausragenste, auch einfach “Rav” genannt) zum Thema Tischa BeAw und zwar mit einem sehr aktuellen Bezug:
Hat sich mal jemand gefragt, warum wir eigentlich zu Tischa BeAw so sehr trauern, wenn Am Israel doch aber gerade in sein Land zurueckgekehrt ist, unabhaengig, und – im uebertragenden Sinne zumindest – ‘das dritte Haus’ existiert?
Sollte man da nicht etwas weniger trauern, oder gar nicht? Sollte man vielleicht sogar schon die prophetischen Verheissungen wahr machen, dass dies zukeunftig ein Tag der Freude wird?
Und jetzt stelle man sich die Situation nur einmal zu Tischa BeAw wenige Wochen nach dem Sechs-Tage-Krieg vor… (Hasell Lookstein berichtet)  
 
 
Erinnerung an eine Tischa BeAw Vorlesung von Rav Joseph Soloveitchik
Hasell Lookstein
Im August 1967 reisten meine Frau, Audrey, und ich nach Israel, um uns den erstaunlichen Ausgang des Sechs-Tage-Krieges anzusehen, um die wunderbare Errettung des israelischen Volkes und Staates mitzuerleben, und um die Zerstörung der arabischen Armeen zu sehen, die Israel im Juni 1967 von allen Seiten angegriffen und mit der Auslöschung des Staates und seiner Bürger bedroht hatten.
Wir erreichten Tel Aviv am Erev Tischa BeAw, 14. August 1967, genau rechtzeitig, um vor dem Fasten eine Mahlzeit zu uns zu nehmen und in Rabbi Schlomo Gorens Synagoge zur Tischa BeAw Abendfeier zu gehen. Die Stimmung in Israel war alles andere als auf Tischa BeAw ausgerichtet. Es gab schlichtweg kein Gefühl des Trauerns oder der Betrübtheit. Im Gegenteil, es gab das Gefühl der Hochstimmung, der Zuversichtlichkeit, der Begeisterung und der Befreiung. Es war offensichtlich, dass die Israelis nicht in der Stimmung waren, die Traurigkeit und die Trauer des Tischa BeAw zu befolgen oder zu empfinden.
Im Land war die Stimmung der Befreiung und Erlösung vorherrschend, da die Leute das Gefühl hatten, dass sie vor einem zweiten – Gott bewahre uns davor – Holocaust gerettet worden waren. Und wir lebten nicht nur im Empfinden der Errettung, sondern der Staat Israel hatte sein Gebiet um etwa das dreifache vergrößert und die heiligsten Stätten waren zurück in unseren Händen; all das war geschehen aufgrund des Hasses und der Schuld unnachgiebiger Feinde. Wie konnte jemand an diesem Tischa BeAw Niedergeschlagenheit oder Trauer empfinden?
Und doch waren Audrey und ich durchaus beunruhigt. Denn dies war, trotz alledem, Tischa BeAw, der unheilvollste Tag des Jahres; und etwas in mir empfand diese Reaktion, auch wenn sie verständlich war, als nicht angemessen. Zehn Monate später, am 26. Juni 1968 gab der Rav in einer der erinnerungswürdigsten Vorlesungen, die ich selbst je von ihm hörte, eben diesem Empfinden Ausdruck.
Der Rav fragte: Wie kann jemand aufgrund von Ereignissen trauern, die vor 2000 Jahren und vor 2500 Jahren geschahen? Tischa BeAw erinnert an die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 586 BCE [Before Common Era] und 70 CE [Common Era]. Dies sind historische Ereignisse, die nicht mehr in der direkten Erinnerung vorhanden sind. Wie sollen wir Schiw’a sitzen zu Tischa BeAw, in der Nacht und am Morgen, aufgrund von Ereignissen, die vor 20 Jahrhunderten geschehen sind? Wenn ein naher Anverwandter gestorben wäre, und wir hätten erst 30 Tage später davon Kenntnis erhalten, dann würde es keine offizielle Schiw’a geben. Wir würden symbolisch eine Stunde Schiw’a sitzen, uns dann erheben und unseren gewohnten Tagesablauf weiter verfolgen. Wie können wir uns dann wegen eines Ereignisses, das vor zwei Jahrtausenden geschehen ist, auf den Boden setzen?
Der Rav gab drei Antworten auf diese Frage. Antworten, die nicht nur für die halachische Analyse unseres Verhaltens zu Tischa BeAw wichtig sind, sondern die zudem aufzeigen, warum unsere israelischen Brüder, ebenso wie wir, uns der Notwendigkeit Tischa BeAw auch in den unmittelbaren Nachwirkungen des Sechs-Tage-Krieges einzuhalten, bewusst hätten sein sollen.
 
I
Die erste Antwort auf die Frage, wie können wir die Regeln der Schiw’a – auf dem Boden sitzen, uns nicht waschen noch salben – um eines Ereignisses willen befolgen, das vor so langer Zeit geschah, ist, weil das Ereignis in unserem jüdischen Bewusstsein nicht in der Vergangenheit geschah. Das ist keine vergangene Geschichte. Dies ist die jüdische Einstellung zu unserer gesamten Geschichte und bei unserem Gedenken an unsere Geschichte bei all unseren Festen.
Am Sederabend proklamieren wir: “Bechol Dor, in jeder Generation muss jede Person so empfinden, als ob man (selbst) (gerade eben) aus Ägypten heraus entronnen ist.” Die Einfügungen in Klammern stammen aus Maimonides’ Gesetzbuch, dort, wo er die Mischna zitiert. Der Exodus aus Ägypten soll als zeitgenössische Erfahrung betrachtet werden. Am Sederabend merken wir, dass wir gerade eben Sklaverei und Befreiung erfahren haben. Das ist der Grund, warum wir uns ausruhen, warum wir vier Gläser Wein trinken, warum wir das Hallel [Loblied, das aus den Psalmen 113 bis 118 besteht] aufsagen, und warum wir feiern, als ob all dies gerade eben geschehen ist. Das ist das Grundlegende der ganzen Erfahrung an Pessach.
Dasselbe gilt für Schawuot. Während der Lesung der Zehn Gebote stehen wir in einer Synagoge, die mit grünen Zweigen und Blumen geschmückt ist, als ob wir heute und nicht vor 3300 Jahren am Berg Sinai stehen und die Zehn Gebote erhalten. An Sukkot wohnen wir in mit Stroh gedeckten Hüttchen, geradeso, als ob wir die Wüstenwanderungen unseres Volkes heute erfahren.
Genauso verhält es sich auch mit Tischa BeAw. Wir setzen uns auf den Boden, als ob der Tempel jetzt brennt, und Jerusalem jetzt zerstört in Ruinen liegt, und Juden jetzt niedergemetzelt werden. Der Jerusalem Talmud berichtet, dass die Rabbis die Nacht von Tischa BeAw so erlebten “wie jemand, dessen Familienangehöriger tot vor ihm liegt”.
Der Rav schloss seine erste Antwort ab, indem er uns daran erinnerte, dass der Jerusalem Talmud im zu Pessach gehörenden Spruch “Bechol Dor, in jeder Generation…” eine Parallele zu Tischa BeAw sieht. Jede Generation, während der der Tempel nicht wieder erbaut wurde, ist wie die Generation, in der er zerstört wurde. Das ist nicht nur Trauer um etwas, das vor Jahrtausenden geschah; das ist Trauer um etwas, das gerade geschieht.
 
II
Die zweite Antwort auf die Frage, warum wir Tischa BeAw in so ernster und betrübter Art begehen, obgleich das Ereignis, dem wir gedenken, vor so langer Zeit geschah, weist auf eine weitere Frage hin. Wie hat das jüdische Volk dieses Gedenken während der Zeit des zweiten Tempels, vom Ende des 6. Jahrhunderts BCE bis 70 CE, ausgeführt? Wurde Tischa BeAw befolgt oder nicht befolgt? Der Rav analysierte sehr ausführlich die Talmud Diskussion und die Schlussfolgerung in Maimonides’ Rechtsauslegung (Mischne Torah) hinsichtlich dieser Frage; und zwar gibt es der Auslegung Ravs zufolge Hinweise, dass Tischa BeAw während der Zeit des zweiten Tempels in der Tat befolgt wurde. Dann stellte der Rav die nahe liegende Frage: Wie konnten sie um den Ersten Tempel trauern, wenn doch der zweite Tempel in all seiner Pracht vorhanden war? Wie konnten die Cohanim das tägliche Opfer bringen und sich dann auf den Boden setzen, um die Kinnot aufsagen? Schließen sich beide Begebenheiten nicht aus?
Auf diese Frage gab er eine unvergessliche Antwort. Er sagte, dass die Cohanim und die Levi’im zu Tischa BeAw nicht all die täglichen Feiern im zweiten Tempel begannen haben können, um daran anschließend die Zerstörung des ersten Tempels zu betrauern. Das wäre widersprüchlich gewesen. Wenn sie also Tischa BeAw während der Zeit des zweiten Tempels befolgten, wurde dies nicht mit Trauer, sondern mit Gebet befolgt; das, was einmal geschehen war, sollte nie wieder geschehen. Während der Tischa BeAw vorangehenden Wochen habe, sagte der Rav (ich denke, ich zitiere ihn hier wörtlich) “der Geist des Churban [Zerstoerung/Vernichtung] das Land belauert.” Die Leute waren voll Angst, dass die Geschichte sich wiederholen könnte, und dass die Zerstörung, die 600 Jahre vorher geschehen war, wieder geschehen würde. Und, tragischerweise geschah eben das wieder.
Er brauchte das Nahe liegende nicht extra erwähnen: dass Juden auch nach dem Sechstagekrieg Tischa BeAw nicht allein mit Trauer, sondern auch mit Gebet befolgen müssen, und zwar aufgrund dessen, was zwei Mal in unserer Geschichte geschah, damit dies, Gott bewahre uns davor, nicht ein drittes Mal geschieht. Während all der Jahre, die seit 1968 vergangen sind, hat mich diese Befürchtung verfolgt, und nicht nur an Tischa BeAw. Ich könnte mir denken, außer mir sind auch andere darum besorgt.
 
III
Schließlich bot der Rav eine dritte Antwort an, warum Tischa BeAw auch heute noch geboten und bedeutungsvoll ist. Er wies darauf hin, dass Tischa BeAw im gesamten Verlauf unserer Geschichte als ein Tag verstanden wurde, der nicht nur unserer Trauer wegen der Zerstörung der beiden Tempel gewidmet ist, sondern zusätzlich unserer historischen Erinnerung an all die Tragödien, die unserem Volk im Verlauf der Jahrhunderte widerfahren sind: Der Erinnerung der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels wie der Zerstörung Beitars (Ende des Bar Kochba Aufstandes), der Erinnerung an die Kreuzzüge wie an die spanische Inquisition, der Erinnerung an die Vertreibungen der Juden aus vielen Ländern wie der Erinnerung an die Pogrome in Osteuropa und schließlich der Erinnerung an den Holocaust.
Unsere Geschichte war eine lange Erfahrung von Eicha? Eicha meint die Frage Wie war dies möglich? Wie konnte all dies geschehen? Warum wird unser Volk beständig verfolgt? Warum sind in unserer Geschichte so viele Zeiten der Verzweiflung und Not und Trauer eingefügt? Der Rav sagte, dass Eikha nicht allein der Ausruf des Jeremiah ist, sondern der gesamten jüdischen Geschichte, wenn wir Gott die nahe liegende Frage stellen: Warum wir? Warum haben wir so sehr gelitten? Er sagte, dass wir schließlich, wenn der Messias kommt, den gesamten Verlauf der jüdischen Geschichte verstehen werden. In diesem Moment wird auf Eikha ein Schlusspunkt folgen und kein Fragezeichen mehr. Solange auf Eicha noch ein Fragenzeichen folgt, muss das jüdische Volk Tischa BeAw befolgen.
 
IV
Warum soll man Tischa BeAw auch heute noch befolgen?
Der Rav bot als Erwiderung auf die Euphorie, die die Bedeutsamkeit von Tischa BeAw nach dem Sechs-Tage-Krieg anzweifelte, drei überzeugende Gründe. Erstens, wir trauern nicht um etwas, das vor Jahrtausenden geschehen ist, sondern wegen Tragödien, die wir aufgrund unseres besonderen historischen Bewusstseins im Hier und Jetzt von neuem durchleben. Zweitens, wir befolgen Tischa BeAw nicht nur mit Trauern, sondern auch mit Gebeten. Mit Gebeten darum, dass das, was zwei Mal zuvor geschehen ist, sich nicht erneut – Gott bewahre uns davor – ereignen möge. Und drittens, wir befolgen diesen traurigsten Tag des Jahres, weil wir nicht verstehen können, warum unser Volk weiterhin so viel Unheil erlebt.
“Eicha Jaschewa Wadad?” ….. Warum sind Jerusalem und das jüdische Volk so allein?
“Ha’Ir Rabati Am?” ….. Eine Stadt und ein Volk, das bevölkert war und dem es einst wohl erging?
“HaJeta kn’almana?” ….. Warum ist sie – und warum sind wir – beraubt zur Witwe geworden?
Bis es soweit ist und wir diese Fragen beantworten können, wird Tischa BeAw für uns ein Tag des Trauerns und der Kinnot sein.


5 Comments to “Tischa Be’Aw – wenn der “Geist des Churban das Land belauert”…”

  1. velvl says:

    danke fuer das artikel!

    der definition nach, feiern wir am tischa beaw die zerstoerung (nur) des 2. tempels UND die zerstoerung jerusalems. so viel ich weiss und da stimme ich dem rav soloweijtschik nicht zu (ich erlaube mir dem rav zu widersprechen, weil es hier nicht unbedingt um halacha, sondern um historische tatsachen geht), wurde weder vor der zerstoerung des 1. tempels noch zwischen den beiden tempeln gefastet.

    es ist auch interessant, dass rav soloweijtschik glaubt erklaeren zu muessen, wieso man immer noch fasten bzw. traurig sein muss (was ohne zweifel stimmt). wenn es so klar waere, wuerde er sich nich gezwungen fuehlen es zu erklaeren. (jaja ich weiss, es war kurz nach dem 6 tage kriegt)

    wer sich mehr mit dem thema beschaeftigen will, wird feststellen, dass es durchaus viel berechtigung gibt (und ich spreche ueber die schriften aus der gaonim bzw. rischonim epochen), nicht zu fasten! wie ich schon gesagt habe, es geht nicht um halacha, sondern um meinungen. fasten muss natuerlich jeder.

    lasst uns nicht vergessen, dass tischa beaw eigentlich ein feiertag sein soll. wir sagen keinen tachanun bei mincha davor und es gibt keinen tachanun am tischa beaw selbst. die zweite haelfte des tages ist weniger streng als die erste usw.

    tischa beaw ist kein “antipurim”.

  2. A.mOr says:

    „Uebrigens eines der bedeutensten Elemente dieses Tages, ist es ueber diese Dinge zu reflektieren und das hat denke ich jeder ‘erfuellt’, der gerade den Artikel las.“
    ;) Uli Danke dafür.
    Hochinteressant zu lesen, inklusive Deine Artikel vom vergangenen und noch dem Jahr davor.

    Eine Frage noch.
    Wie kommt es zur offiziellen Datierung der Zerstörung des Tempels auf 70allg.Z., während zB Chabad das Jahr 69allg.Z. dafür angibt?
    Kennt jemand des Rätsels Lösung?

    velvl
    „wenn es so klar waere, wuerde er sich nich gezwungen fuehlen es zu erklaeren.“
    Gibt es denn irgendetwas, daß einfach „so klar wäre“? Gibt es irgendetwas, daß nicht -wenn schon nicht erklärt- hin und wieder beleuchtet werden sollte, zum Abwägen, zum tieferen Verstehen, auch zum Erlangen neuer Erkenntnisse?
    Was dem einen klar ist ist dem anderen unklar, so ist’s auch unter Brüdern.

    Auch Dir Danke.
    Von jemanden, dem ziemlich wenig, wenn überhaupt irgendetwas „klar ist“.
    Daher, bitte höre nicht auf manche „Klarheiten“ trotzdem zu erläutern. ;)
    Kann etwas „klar“ sein, wenn das „unklare“ daran nicht gesehen wurde?
    Wozu braucht es die Trennung des Lichts von der Finsternis?

  3. jerry1800 says:

    http://www.audiatur-online.ch/2012/07/23/wer-rettet-die-christen-im-gazastreifen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=wer-rettet-die-christen-im-gazastreifen

    Werden palästinensische Christen, die im Gazastreifen leben, von Muslimen entführt, die sie dann zwingen, zum Islam zu konvertieren?

    Unter Palästinensern, die lieber alle Schuld einzig auf Israel abwälzen, gilt diese Geschichte als Tabu-Thema. Laut der griechisch-orthodoxen Kirche im Gazastreifen wurden in der vergangenen Woche mindestens fünf Christen entführt und zum Islam zwangskonvertiert. Wenn irgendjemand Angst um sein Leben haben sollte, dann Erzbischof Alexios, Oberhaupt der Griechischen Kirche im Gazastreifen, der den Protest gegen die Verfolgung und Zwangskonversion von Christen anführt.

    In den letzten Tagen geriet der Erzbischof seitens vieler Palästinenser und der Hamas-Regierung unter scharfe Kritik, weil er es wagte, das Wort gegen die bedrängte Lage seiner Gemeinde zu erheben.

  4. A.mOr says:

    jerry1800,
    Caroline B.Glick magst Du ja zum Glick!
    Ihr Artikel hier bei ‘aro1′ beschreibt die heutige Situation der Christen im „fruchtbaren Halbmond“ nüchtern und sachlich, wenn sie auch auf die grausamen Details verzichtet.
    Schätze, wir brauchen diese auch nicht, um unsere „Phantasie anzuregen“.
    http://aro1.com/unsere-welt-die-vergessenen-christen-des-ostens/

    Von der Welt relativ unbekümmert wird hingenommen, wie grausam die Christen des Orients behandelt werden, zB die Entführungen von Kindern, Zwangsprostitution oder Zwangskonvertierung usw…
    Irgendwo las ich mal folgende Aussage: „Erst waren die Juden dran, jetzt sind die Christen dran.“
    Sollte es mich wundern, daß Du nun einen Hinweis gibst, oder das Caroline diesen Artikel schrieb, oder einst der Artikel von Chaim Noll erschien?
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/menetekel_fuer_europa/

    Nein, es ist klar, daß gerade wir als Juden aufhorchen, und es ist leider wohl auch klar, daß das einer der wichtigen Gründe ist, warum so viele unseren Erfahrungen mißtrauen, bzw diese diskreditieren: die Wahrheit ist hart!

  5. jerry1800 says:

    According to London think tank The International Institute for Strategic Studies, sanctions on Iran are more effective than is currently believed.

    In particular, sanctions have all but stopped Iran´s development of ballistic missiles. The Institute´s report says that sanctions “have stymied efforts to develop and produce” such missiles.

    While the report notes that Iran is not acting out of fear of further sanctions,

    “The sanctions, and especially trade embargos placed in the exports of information technology components and knowledge, have prevented the Islamic Republic from accessing key propellant ingredients and components needed for the continued development of its missile program.”

    Next to the actual creation of a nuclear weapon, the development of an effective long-range delivery system is one of Israel´s and the international community´s worst-case scenarios.

    Iran has sought in recent years to develop missiles capable of striking not only Israel but countries as far away as Western Europe and the Indian subcontinent. Its ultimate ambition may be the capability to strike at any point on the globe, in particular the United States.

    While the report is good news, it should be noted that missiles are far from the only way of delivering a nuclear payload. Observers are especially concerned that Iran might employ a “suitcase bomb,” a small nuclear device that can simply be carried by hand into a given city and detonated.

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